Samstag, 10. August 2013

Packe, packe Kiwis

Am Donnerstagmorgen, den 11. April nehmen Sintija und ich den Bus nach Opotiki. Die Busfahrt ist diesmal sehr kurzweilig, weil wir uns gut unterhalten. Die meiste Zeit fahren wir entlang der Nordostküste und vom Meer kann ich sowieso nicht genug bekommen. In Rotorua müssen wir den Bus wechseln, da wir aber fast zwei Stunden Zeit haben, erkunden wir das Zentrum und laufen einen hübschen Pfad am See entlang, an dem die Stadt liegt.
Diese Gegend ist tektonisch sehr aktiv und daher bekannt für seine heißen Quellen, blubbernde Schlammseen, Vulkane und Geysire. Wai-O-Tapu ist eine Art Park, in dem man all dies zu sehen bekommt. Ziemlich touristisch ausgelegt, aber ich hatte bereits in Deutschland davon gehört und wollte es unbedingt sehen. Deshalb beschließen wir, dass wir in ein paar Wochen an einem freien Tag hierher zurückkommen und den Park besuchen werden.
An unserer Haltestelle angekommen, werden wir schon von Jan erwartet, die uns zu unserer Unterkunft bringt. Sie liegt nur etwa drei Kilometer vom Dorf entfernt, was bedeutet, das Sintija und ich sogar entlang der Hauptstraße dorthin laufen können, um einzukaufen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn man, wie wir, kein Auto besitzt und unabhängig sein will.

Die Einfahrt zum Hostel ist so gut durch Hecken getarnt, dass man einfach vorbeifahren würde, wenn man nicht wüsste, dass sie da ist. Wir können uns die Stelle nur merken, weil ein neongelbes „Achtung, Kühe“-Schild kurz davor steht. Als wir in den kleinen Kiesweg einbiegen, bleibt uns der Atem stehen. Das ist definitiv kein Hostel. Es ist eine Villa!


Dieses wunderschöne weißgetünchte, zweistöckige Haus steht in der hinteren Ecke eines riesigen, gepflegten Gartens, der es mit denen in England aufnehmen könnte. Hier würden wir für 100 Dollar pro Woche leben? (Zum Vergleich: In Te Puke haben wir für ein Mehrbettzimmer in der schäbigen Backpackerabsteige 120 Dollar pro Woche bezahlt)
Wir können unser Glück kaum fassen…

Unsere neue Unterkunft wird von dem netten Ehepaar John und Sharon geführt, die sie gerade erst geöffnet haben und mit der Zeit zu einem Bed and Brakefast Hotel weiterentwickeln wollen. Zurzeit sind sie noch in der Experimentierphase, wie viele Gäste sie aufnehmen können. Internet gibt es bisher keines, wird aber in den nächsten Tagen von ihrem Sohn installiert und kostet uns nur 5 Dollar Aufschlag.
Ein junges deutsches Pärchen – Max und Kirsten - hat sich bereits dort eingemietet und am selben Abend, an dem wir ankommen, treffen noch zwei weitere zukünftige Mitbewohner ein: Sam aus Schottland und Nico aus Deutschland. Nach ein paar Wochen vergrößert sich unsere WG ein weiteres Mal um Shenna aus China, Andi aus England, Sol aus Argentinien und Sarah aus Kanada.

Am folgenden Tag haben wir unsere Einweisung im Packhaus. Jan holt uns mit dem Auto ab, aber als wir nach nur fünf Minuten Fahrt in die Einfahrt einbiegen, ist für uns klar, dass wir in Zukunft einfach herlaufen werden.


Die Schulung ist nicht sehr lehrreich. Wir bekommen lediglich ein paar Kiwis mit verschiedenen Makeln gezeigt, (blamish = Schönheitsfehler, haywood = Trockenstreifen , soft ones = zu weiche, squary = zu eckige, small ones = zu kleine, mouldy = schimmlige, black ones = schwarze Stellen, etc.) aber bis wir den Dreh heraushaben, was in die 1., 2. und in den Müll gehört, dauert es fast eine Woche und selbst dann sind wir nicht die einzigen, die noch Fehler machen. Wenn zum Beispiel ein harmloser Makel, wie trockene Stellen oder Streifen, nicht größer als zwei Zentimeter ist, ist es durchaus noch gut genug für die 1. Klasse. Wie sich herausstellt ist das größere Problem, neben unserer Unfähigkeit, eher, dass wir verschiedene Supervisor (Abteilungsleiter) haben, die ebenfalls unterschiedlicher Meinung sind, was noch gut und was Müll ist.


Am Samstag fangen wir mit der Arbeit an. Es gibt einige Deutsche Backpacker hier. Die Jungs helfen meistens beim Auftürmen der gefüllten Kiwiboxen (stacking) oder dem Falten derselben. Die Kiwisortierer (grader) sind ausnahmslos Frauen. Dann gibt es noch die „Vorbereiter“, denen die Verpacker - die die Boxen ordentlich füllen – die Plastikeinlagen und Folien zum Einschlagen der Früchte in den Kisten verdanken.
Neben den Backpackern arbeiten hier viele Einheimische, darunter viele Maori, aber insgesamt sind wir nur ungefähr 70 Angestellte im ganzen Packhaus. Dass es so übersichtlich und klein ist, ist sehr ungewöhnlich bietet aber den Vorteil von familiärer, freundlicher und verständnisvoller Atmosphäre. Nach wenigen Wochen kennt jeder jeden.
Die Sortierer sind gleich hinter der Bürstenmaschine platziert, vor welcher die Kiwis aus den Holzkisten gekippt und etwas gesäubert werden, bevor sie ein Fließband auf die Rollenbänder vor unsere Hände befördert. Wie der Name schon sagt, bestehen diese aus vielen weißen rotierenden Rollen, die die Kiwis dazu bringen, sich um ihre eigene Achse zu drehen, damit man sie von allen Seiten betrachten kann, ohne sie einzeln in die Hand nehmen zu müssen. Das Tempo kommt mir Anfangs noch sehr schnell vor, um all die Früchte auf einmal im Auge zu behalten, aber mit wachsender Übung wird es besser.

Leider hat eine der neu ernannten Aufseherinnen, Terry, noch nicht viel Erfahrung im Umgang mit Untergeordneten und lässt es sich zur Gewohnheit werden, neben uns zu stehen und uns jede mangelhafte Kiwi mit strengem Blick unter die Nase zu halten, die wir übersehen haben. Das ist nicht nur irritierend (weil man den Blick vom Band abwenden und die Kiwi betrachten muss) sondern auch unfair, da ich am Anfang des Bandes stehe und mir somit die gesamte unsortierte Masse vor die Nase purzelt, die ich erst einmal von Blättern und Zweigen befreien, gerade ausrichten, die absolut unzumutbaren und letztendlich auch noch die zweitklassigen Früchte aussortieren muss. Es ist doch klar, dass ich keine Zeit und nicht genug Hände habe, um jede Frucht zu erwischen.

An jedem Band stehen ohnehin immer zwei Sortiererinnen – eine auf jeder Seite und leicht versetzt – damit die hintere sich allein auf die Details konzentrieren kann. Meine Partnerin ist eine etwa 60-jährige Maori und heißt Kura, was in ihrer Muttersprache „Schule“ bedeutet. John und Sharon haben ein Maori-Wörterbuch, in dem ich – neugierig gemacht durch viele Einheimische, die meinten mein Name klinge vertraut - auch das Wort „kira“ gefunden habe und laut dem ich anscheinend nach der Hauptschwungfeder eines Vogelflügels benannt wurde.
Schnell werden Kura und ich ein eingespieltes Team und amüsieren uns prächtig über die stupide Arbeit.
Es gibt insgesamt sieben dieser Sortierbänder, die alle parallel stehen. Am Letzten kommen zusätzlich noch die zurückgeschickten Früchte hinzu, die den Verpackern nicht ganz koscher vorkommen und einen zweiten Blick benötigen.

Als ich am Abend dieses ersten Arbeitstages die Augen schließe, um zu schlafen, sehe ich noch für eine ganze Weile Kiwis hinter meinen Lidern rollen.

Wie Sintija und ich bereits in Te Puke erfahren haben, hat die Kiwisaison dieses Jahr einige Probleme, um richtig anzulaufen. Vermutlich liegt es an dem sehr trockenen, heißen Sommer, unter dem Neuseeland gelitten hat und den ich, aufgrund meiner Abwesenheit nicht mitbekommen habe. Es hat nicht genug geregnet und noch immer sind die Nächte einfach nicht frostig genug, um den Zuckergehalt der Früchte zu steigern.
Daher arbeiten wir in der ersten Woche nur vier, in den darauf folgenden sogar nur zwei Tage am Stück.

Mir ist das ganz recht und ich genieße die Tatsache einen unterschriebenen Vertrag und dennoch so viel Freizeit in einem warmen Sonnenmonat zu haben. Ich wollte hauptsächlich eine Tätigkeit als Pflücker oder im Packhaus, weil das unter „Erntetätigkeit“ (horticulture) fällt und ich drei Monate – volle 90 Tage in diesem Bereich gearbeitet haben muss, um mein working holiday visa um ein Vierteljahr verlängern zu können. Fast einen Monat der Forderung habe ich bereits durch die Arbeit in Warkworth abgedeckt.
Eine bewilligte Verlängerung würde bedeuten, dass ich bis zum 4. Dezember in Neuseeland bleiben und somit den Frühling und Frühsommer hier genießen könnte – und damit auch eine Chance hätte, im Kakapo-Schutzprojekt mithelfen zu können, das erst mit Beginn der Brutsaison im November startet. Natürlich habe ich keine Garantie, dass dieses Projekt tatsächlich zustande kommt - mal davon abgesehen, dass ich mich für einen der raren Plätze erst qualifizieren müsste – denn diese Vögel brüten nur etwa alle fünf Jahre, abhängig von der Häufigkeit der Rimu-Beere, mit denen die Küken gefüttert werden.
Da der letzte Sommer jedoch so heiß und trocken war, gab es kaum welche davon, weshalb es auch keinen Kakaponachwuchs gab. Ich hatte mich bereits im September beworben, bevor ich zurück nach Deutschland musste und zuhause die ganze Zeit gehofft, dass ich nicht gerade jetzt eine Zusage erhalten würde – das wäre wirklich eine Ironie des Schicksals gewesen. Wie jedoch bereits erwähnt, gab es im Sommer 2012 keine Vogelbabys, jedenfalls nicht genug, um Volontäre im Rahmen eines Projektes zu finden.


Also machen Sintija und ich das Beste aus unseren Teilurlaub, denn schon früh genug würde unsere Situation ins Gegenteil umschlagen – mit einer Menge Nachtschichten und sieben-Tage-Wochen, die uns nur so um einen freien Tag betteln lassen würden. Das wurde uns jedenfalls so prophezeit...

Fast jeden Tag laufen wir ins Dorf, auch wenn wir nur einen Joghurt oder frisches Obst brauchen, finden nach kurzer Zeit den schnellsten Weg zum Strand und genießen es, oft stundenlang im Sand in der Sonne zu liegen, dort zu lesen oder - was ausschließlich mich betrifft - ein Bad im noch immer recht warmen Meer zu nehmen. Das Schönste daran ist, dass er fast immer menschenleer ist. Wir haben den Strand ganz für uns alleine. Warum niemand von den Einwohnern ihn nutzt ist mir ein Rätsel, liegt aber vermutlich daran, dass er immer da und somit selbstverständlich ist. Von hier aus kann man manchmal „White Island“ bestaunen, eine aktive Vulkaninsel, von der fast immer dicker weißer Rauch aufsteigt.

Haben wir mal keine Lust auf die 1,5 Stunden Fußmarsch dorthin oder ist das Wetter ausnahmsweise zu schlecht, ist auch unsere Villenunterkunft ein herrlicher Ort zum Entspannen. Besonders mit dem schattigen, parkartigen Garten, in dem verschiedene Obstbäume - Persimmon, Feige, Fijoa - mit reifen Früchten stehen.
Manchmal entzünden wir alle zusammen ein Lagerfeuer vorm Haus, rösten Marshmallows, trinken Bier und unterhalten uns bis spät in die Nacht. Oft setzt sich auch John zu uns und gibt eine Runde aus.

Während dieser „Schonzeit“ lerne ich auch Keith, eine Lastwagenfahrer kennen, der mich einmal auf halben Weg vom Dorf zur Villa mitnimmt. Ich bin eigentlich nur eingestiegen, weil ich schon immer mal in einem Lastwagen als Anhalter mitfahren wollte, auch wenn er von selbst gehalten hat und mein ablehnendes „nein, danke, ich laufe gerne“ als Beleidigung angesehen hätte.
Es stellt sich heraus, dass auch er ein Maori ist und beantwortet mir bereitwillig alle meine Fragen, die sich in meiner kurzen Zeit in diesem Land angesammelt haben. Viel zu bald erreichen wir Johns Haus und da er merkt, dass ich mich noch gerne weiter unterhalten würde, bietet er mich an, mir seinen „Arbeitsplatz“ zu zeigen. Vielmehr ist es ein Steinbruch, von dem aus er Steine, Kies und Dreck irgendwo an die Küste transportiert, wo daraus Zement hergestellt wird.
Er bietet mir an, dass er mich nach seiner Arbeit abholen und mir ein bisschen die Gegend zeigen und mich in die Kultur und die Geschichte der Maori einweisen könnte. Natürlich sage ich ja, was für eine Gelegenheit! Nett und harmlos scheint er auch zu sein und ich tue gut daran, ihm zu vertrauen, denn er zeigt und erklärt mir in den nächsten drei Abenden sehr viel. Dinge, die ich wohl in keinem meiner Reiseführer hätte nachlesen oder lernen können.
Wie zum Beispiel die Besichtigung von Taketakerau – dem uralten Begräbnisbaum des lokalen Maoristammes, der durch einen Blitzschlag entweiht wurde; die Legende wie der Ort seinen Namen den Delfinen Opo und Tiki verdankt, die den ersten Stammeshäuptling „Te Arawa“ hierher brachten; die wahre Geschichte von den sieben Kanus (wakas), in denen die sieben ersten Stämme und deren Häuptlinge ankamen – insbesondere dem Kanu Mataatua, in dem Te Arawa und sein Whakatohea-Stamm in Opotiki landete; die Geschichte von den letzten Stammeskriegen, in denen sich einige mit den weißen Siedlern verbündeten und viele Maori entlang der Ostküste töteten; die Geschichte vom heiligen Berg Makio, der über Opotiki wacht und auf dessen Spitze sich die Krieger auf die Kämpfe vorzubereiten pflegten; oder die etwas bekanntere Geschichte des englischen Pfarrers, der eine Maorifrau heiratete und somit den tödlichen Zorn ihres Stammes auf sich lenkte – und dessen junge Gebeine noch immer unter der kleinen Kirche begraben liegen…
Das und vieles mehr lerne ich über Neuseelands erste Völker, als ich die Abende im Gespräch mit Keith verbringe. Leider habe ich keine Chance mich dafür zu revanchieren, da es die letzten freien Tage sind, die ich in Opotiki haben würde.

Anfang der zweiten Maiwoche geht es dann nämlich endlich so richtig mit der Arbeit los und ich und Sintija haben Probleme, die Zeit für unsere wöchentlichen Lebensmitteleinkäufe zu finden. Das geht sogar so weit, dass wir tatsächlich die Angebote annehmen, wenn uns jemand fragt, ob wir mit im Auto ins Dorf fahren wollen, da es nach Arbeitsende bereits dunkel ist und wir uns nicht mehr trauen, entlang der schnell befahrenen Hauptstraße zu laufen.

Nach etwa sieben Tagen Arbeit am Stück leidet jeder unter dem Kiwistaub, der sich überall, besonders aber auf den vertikalen Flächen hinter der Bürstenmaschine, zentimeterdick niederlässt und hinterhältig in die Atemwege eindringt. Putzt man sich in der Pause die Nase, ist das Taschentuch hinterher braunschwarz gefärbt und Sam bekommt sogar regelmäßig Nasenbluten davon. Einweg-Atemmasken werden angeboten, die vor allem die Frauen dankbar annehmen. Doch selbst diese helfen nur bedingt, denn man hat das Gefühl, weniger Sauerstoff zu inhalieren und ich muss sie von Zeit zu Zeit beiseite schieben, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Bald arbeitet sich der Staub erst in die Nebenhöhlen, dann sogar in die Lunge vor und entwickelt sich zu einem scheußlichen Reizhusten, der nachts besonders intensiv wird. Bald greifen selbst die hartgesottenen Männer zu den Masken und wenn ich mich nun in der Halle umschaue, bekomme ich den Eindruck in der Seuchenstation eines Krankenhauses zu arbeiten.
So ganz falsch ist das nicht. Bereits in Te Puke haben wir von einem Erreger gehört, der die Kiwiplantagen befällt. Betroffen sind vor allem die teuren Goldkiwis, weshalb auch der ganze Aufwand mit dem Desinfizieren der Stiefel betrieben wurde. Dieser Erreger – PSE genannt – lässt die Blätter absterben und tötet langsam die gesamte Pflanze. Hunderte von Plantagenbesitzern sind aufgrund dessen in den letzten zwei Jahren, seit der Erreger das erste Mal auftrat, bankrott gegangen. Diese verzweifelte Lage hat einige sogar in den Suizid getrieben.
Als ich etwas skeptisch frage, ob das auch für Menschen und Tiere schädlich sei, bekomme ich nur die Antwort, dass man das noch nicht wüsste, da die PSE-Forschung noch nicht besonders weit fortgeschritten sei. Seitdem nehme ich die Maske, auch wenn sie nur geringen Schutz bietet, nicht mehr ab.


Die meiste Zeit ist die Arbeit monoton und ich habe schnell gelernt, in diesen zehn Stunden einfach mein Gehirn auszuschalten und leise vor mich hinzusingen. Das Radio im Büro ist zwar auf volle Pulle gedreht, aber gegen die Geräuschkulisse der aus den Kisten kollernden Kiwis, gebrüllter Konversationen, der Bürstenmaschine und sämtlichen Förderbänder kommt es in unserer Ecke des Packhauses einfach nicht an. Laut der Packer, die in vorderster Reihe stehen, verpassen wir aber ohnehin nichts, da sich die Musik ständig wiederholt und die Werbung nervtötend ist.
Hin und wieder gibt es jedoch auch einen Lacher. Zum Beispiel wenn von hinten gebrüllt wird: „Soft ones coming through!“ und man in den nächsten Minuten Ausschau nach zerquetschten oder matschigen Kiwis halten und diese dann so schnell wie möglich vom Förderband kratzen und alle von Fruchtsaft durchnässten ebenfalls in den Mülleimer befördern muss.
Oder wenn selbige Mülleimer sporadisch von den Aufsehern nach erst- oder zweitklassigen Kiwis durchsucht wird und ich das widersprüchliche Lob „Ich mag deinen Abfall, er ist sehr gut – alles nur schlechte Kiwis“ bekomme.
Oder wenn wir nach ein paar Tagen die ganze Ladung zweitklassiger Kiwis nachsortieren und den übersehenen Kiwimüll herausfischen müssen und Kura trocken kommentiert: „Für mich sieht das alles irgendwie nach Müll aus.“

Diese „schlechten“ Kiwis, die außer äußerlichen Makeln innerlich komplett in Ordnung sind (bis auf die zerquetschten, matschigen und verschimmelten vielleicht) werden übrigens in großen Holzkisten gesammelt und hin und wieder in den Hof gestellt. Dann dürfen sich alle Mitarbeiter daraus bedienen und umsonst mitnehmen, soviel sie wollen. Besonders der Goldkiwimüll ist nach nur wenigen Stunden in großen Plastiktüten in den Taschen der Sortierer, Packer oder Stapler verschwunden. Aber auch zwischendurch darf man einzelne, zu weiche Früchte beiseite legen und in der Pause essen, nachdem sie von den Aufsehern als minderwertig abgesegnet wurden. Da alle Backpacker von Natur aus nicht sehr wohlhabend sind, besteht unsere Diät von nun an hauptsächlich aus, von der Oberschicht (zu der wir ironischerweise selbst gehören) verschmähten Kiwis, was die gesündeste Ernährung ist, die ich seit meiner Ankunft in Neuseeland habe.


Fast bis zum Ende unserer Zeit in Riverlock werden wir noch jeden Tag mindestens einmal auf unserem morgendlichen Spaziergang zum Packhaus von einem der vielen vorbeifahrenden Mitarbeiter gefragt, ob er uns mitnehmen soll. Keiner kann so recht glauben, dass wir aus reinem Vergnügen laufen, auch wenn sich uns inzwischen sogar Sarah, Sol und Andi angeschlossen haben.
Es ist die einzige Möglichkeit, ein bisschen Bewegung an der  frischen Luft und in der Sonne zu bekommen, die es absolut wert ist, eine halbe Stunde früher aufzustehen.

An regenreichen Tagen sind wir allerdings froh, dass Nico ein eigenes Fahrzeug hat, doch er ist eine solche Schlafmütze, das wir jedes Mal Sorge haben, ob wir es rechtzeitig vor Arbeitsbeginn zum Packhaus schaffen…


























Einer der aufregendsten Tage ist der, an dem ich Blutalarm auslösen muss – eine Katastrophe in einem Lebensmittelbetrieb. Gefangen in meiner Monotonie, nur auf die bekannten Makel konzentriert und auf so etwas überhaupt nicht vorbereitet, kostet es mich einige Sekunden, um die ungewöhnlichen roten Flecken auf den Früchten als „nicht gut“ einzuordnen. Dann aber alarmiere ich augenblicklich Kura und Terry, meine Lieblingsaufseherin, die seit kurzem zu einem unerträglichen Kontrollfreak mutiert ist und versuche, halb auf dem Förderband liegend, alle rotgesprenkelten Kiwis zu erwischen. Auch andere Sortiererinnen haben inzwischen welche entdeckt. Die Farbe ist so intensiv, dass mein Magen rebelliert und ich versuche mir lieber nicht vorzustellen, wie oder wem das passiert sein mag. Definitiv nicht hier im Packhaus, denn vor uns sind nur die Kistenauskipper und von denen hatte keiner einen Unfall. (Verwundet man sich bei der Arbeit an etwas, muss man dies sofort melden, wird zum Büro geschickt und bekommt dort ein unpraktisches, knallblaues Plastikpflaster, unter dem man schwitzt und das dem vielen Händewaschen und Desinfizieren, das zwischen Toilette, Kaffe- und Mittagspausen erforderlich ist, nicht einmal für einen halben Tag Stand hält.)
Als wir unser Sandwich essen, diskutieren wir, was passiert sein mag, bis uns allen fast der Appetit vergeht.
Ich frage später Jan danach, aber sie hat überhaupt nichts davon mitbekommen, was ich sehr merkwürdig finde. Anscheinend hat Terry es nicht ordnungsgemäß weitergegeben, weil sich in der Zwischenzeit herausgestellt hat, dass es sich nur um Beerensaft handelt. Sie bekommt trotzdem einen Rüffel, was unser schwieriges Verhältnis nicht gerade verbessert.

In der letzten Maiwoche ertrage ich die Nörgeleien von Terry einfach nicht mehr und bitte Jan um Versetzung in einen anderen Bereich des Packhauses. Hin und wieder musste jeder von uns mal woanders aushelfen und das Vorbereiten der Boxen, Umpacken oder Verpacken ist vielleicht ab und zu etwas stressiger, aber ansonsten nicht besser oder schlechter als das Aussortieren. Zum Glück werde ich nur zwei Tage später zum Packer ernannt und von einer der Aufseherinnen dort – einer massigen, immer gutgelaunten, laut lachenden Maorifrau – mit einem rauen Schulterschlag und einem fröhlichen: „welcome on the cool side of Riverlock“ begrüßt.


Von da an wendet sich meine Lage schlagartig zum Besseren, auch wenn ich Kura, Sintija und die Sortiererwitze vermisse. Das Packen fordert weitaus mehr Aufmerksamkeit und Schnelligkeit als das Aussortieren. Manchmal füllen sich die Boxen in einem solchen Tempo – besonders bei den zweitklassigen Familienkartons – dass ich nicht einmal Zeit habe, die Klarsichtfolie über den Kiwis zusammenzufalten und den Deckel zu schließen. In diesen Stoßzeiten arbeiten wir aber glücklicherweise meistens zu zweit in einer Reihe.


Es gibt zwei verschiedene Arten von Boxen. Die Einlagigen (single layer), die für Kiwis erster Klasse gedacht sind und bei denen die regelmäßigen kiwiförmigen Dellen in den weißen Plastikeinlagen an jedem Packband eine andere Größe haben – bis zu fünf verschiedene – von Jumbo bis Normal. (Jumbokiwis sind selten und teuer und fallen so langsam in ihre Kisten, das man jeder davon einen Namen geben könnte) Die kleinen Früchte sind dagegen zweitklassig und werden, wie alle anderen zweitklassigen Kiwis in den großen Familienboxen gesammelt, die über 100 Stück enthalten können. Es gibt noch Minikleine, aber die sind wiederum Abfall und landen in den Müllboxen am Ende.
Ich frage, wie die Maschine wissen kann, bei welcher Reihe sie die Kiwis auswerfen muss, wenn jede Reihe eine andere Größe verpackt. Das ist einfach. Die Früchte liegen einzeln auf bunten Plastikschalen und fahren an jeder Reihe vorbei. Diese Schalen sind auf Gewicht programmiert und die Maschine lässt sie somit in den Trichter der Reihe fallen, die für dieses Gewicht bestimmt wurde. Bei den Reihen, die die Jumbofrüchte verpackt, kommt es daher auch oft vor, das zwei Minifrüchte aus der Öffnung purzeln – was passiert, wenn versehentlich mehr als eine Kiwi auf der Schale liegen.

Als sich abzuzeichnen beginnt, dass nicht mehr viele Kiwis in den Plantagen von Riverlock hängen, fangen wir alle langsam an, uns Gedanken zu machen, was wir nach Ende der Packsaison machen wollen. Max, Kerstin und Sam wechseln zu einem der größeren Packhäuser, die mit mehr Plantagenbesitzern Verträge haben, Nico, der genug Geld hat, wird seine restlichen Wochen in Neuseeland ruhig ausklingen lassen, Sarah hat einen Roadtrip um die Südinsel geplant, Sol fliegt zurück nach Argentinien, Shenna ist längst wieder in China und Sintija und Andi sind überraschenderweise zu einem Pärchen geworden und wollen erstmal ein paar Wochen Urlaub zusammen machen. Und ich? Ich hatte eigentlich geplant mit Sintija zurück nach Rotorua zu fahren, da sich das nun aber schwierig gestaltet und ich nicht das fünfte Rad am Wagen sein will, plane ich wieder für mich alleine – was ich, um ehrlich zu sein, genieße.
Ich möchte irgendwo als Volontär arbeiten und wieso eigentlich nicht in Rotorua? Ich habe einige meiner Packhauskollegen nach Möglichkeiten dort gefragt und mir wurde dafür ‚Wingspan’ (eine Adlerwarte) oder ‚Rainbow Springs’ (ein Kiwi-Erlebnispark) vorgeschlagen. Da Wingspan einen langen Bewerbungsbogen erfordert, versuche ich mein Glück erstmal beim Kiwipark. Über diese Vögel wollte ich ohnehin mehr lernen.
Ich habe Erfolg. Es dauert ein paar Tage, weil das Kiwi Encounter Team momentan sehr beschäftigt ist, aber ich bekomme die Zusage, am 17. Juni dort anfangen zu können und mindestens zwei Wochen aushelfen zu dürfen.

Über Couchsurfing finde ich auch einen Schlafplatz für die ersten paar Nächte (wenn nicht gar länger, wenn wir uns gut verstehen) und so steht meinem nächsten Abenteuer nichts mehr im Wege.

Ich bringe es glücklicherweise noch zustande ein Abschiedsessen zusammenzuwürfeln, bevor ich abreise und es ist einer der seltenen Abende, and dem wirklich alle gemeinsam am Tisch sitzen. Wir trinken Bier und Wein, essen und lassen die vergangenen Wochen Revue passieren, bevor wir uns am nächsten Morgen in alle vier Winde zerstreuen werden…


Auch wenn ich vorerst keine Kiwis mehr sehen kann und das alles nur wegen der Visaverlängerung angefangen habe, gehört die Zeit, die ich hier verbracht habe, bisher zu meinen schönsten Erlebnissen in Neuseeland!
 

Freitag, 2. August 2013

Pflücken und pflücken lassen

In Te Puke angekommen, warte ich an der Busstation auf meinen neuen Arbeitgeber, der netterweise angeboten hat, mich abzuholen. Doch niemand kommt. Im Regen mache ich mich auf den Weg zur Hauptstrasse, um mich zum Hostel durchzufragen. In meinem blinden Vertrauen habe mir den Namen leider nicht aufgeschrieben, aber anscheinend gibt es ohnehin nur zwei Backpacker-Unterkünfte dieser Art im Ort. Beide entlang der Hauptstraße, das eine zwei, das andere fünf Kilometer entfernt. Ich versuche mich wieder einmal als Anhalter und muss nicht lange warten, bis ein Kleinlaster links stoppt. Dennoch bin ich bereits klatschnass,
als ich einsteige. Unkomfortabel quetsche ich mich zu diversen elektronischen Geräten und Werkzeugkästen. Mein Fahrer ist offensichtlich Mechaniker.
Er setzt mich bei der weiter entfernten Herberge ab und ich erkundige mich nach „Tracy“, meinem E-Mail-Kontakt. Der Name sagt keinem etwas. Als selbst der Manager erscheint und keine Ahnung hat, von wem ich spreche, fange ich bereits an zu vermuten, dass ich am falschen Ort gelandet bin und äußere meine Zweifel. Er fragt mich, was ich hier in Te Puke eigentlich will. Als ich motiviert von dem kürzlich errungenen Job als Kiwipflücker erzähle, brechen alle in schallendes Gelächter aus.
Was bitte ist daran so komisch? Der Manager erklärt darauf grinsend und gnadenlos ehrlich: „Da hat dich wohl jemand auf den Arm genommen. Die Backpacker in meinem Hostel warten alle noch immer auf den Start der Saison, weil die Kiwis noch nicht reif sind. Die Nächte waren dafür noch nicht frostig genug und der Zuckergehalt der Früchte ist noch zu niedrig.“
Ich ahnte nicht, dass mir dieses Wort „sugar level“ bald zum Hals heraushängen würde.

Recht ernüchtert höre ich mir diese neuen Nachrichten an. Immerhin war ich gerade ein paar hundert Kilometer mit dem Bus gefahren, um nun durchnässt und belogen im falschen Hostel zu stehen.
Als er meinen enttäuschten Gesichtsausdruck bemerkt, tut ihm das Gesagte wohl leid. Jedenfalls fügt er daraufhin hinzu, dass er die besagte Unterkunft und seine merkwürdige Art der Jobvermittlung kennt, aber dennoch hin und wieder ein paar seiner Backpacker dorthin überwechseln, da es ihnen dort offensichtlich besser gefällt. (Jedenfalls darf man dort Alkohol trinken, was bei ihm verboten ist – nicht gerade eines meiner wichtigsten Auswahlkriteria auf der Suche nach einer Unterkunft.) Er könne mich dort absetzen und würde warten, bis ich herausgefunden hätte, ob es dort tatsächlich eine „Tracy“ gäbe. Wenn nicht, würde er mich wieder mitnehmen und ich könnte die Nacht in seiner Herberge verbringen.
Das hörte sich nach einem vernünftigen Plan an und so hatte ich nichts dagegen einzuwenden.
Wie sich herausstellt, arbeitet mein gesuchter Kontakt tatsächlich dort. Ich bedanke mich bei dem netten Manager, aber bevor er davonbraust, gibt er mir noch seine Telefonnummer mit der Aufforderung, ihn bei Problemen unbedingt zu kontaktieren und warnt mich davor, meine Visakarten-Informationen weiterzugeben. Diese Warnung kommt etwas zu spät, da ich das Formular dafür ja schon übereifrig ausgefüllt und per E-Mail an das Hostel geschickt hatte.

Tracy macht auf mich einen sehr netten und ehrlichen Eindruck und mein Bauchgefühl sagt mir, dass sie definitiv nicht der Typ ist, der mittellose Backpacker gnadenlos ausnimmt. Ich finde heraus, dass tatsächlich die meisten der jungen Leute hier als Kiwipflücker arbeiten. Tracy hat Kontakt mit vielen der Plantagenbesitzer, den so genannten „Contractors“. Diese melden sich dann bei den Pflückern, die bei ihnen unter Vertrag stehen, sobald neue Früchte reif sind und so kommt die Arbeit zu Stande. Wieviel man verdient, hängt davon ab, wie schnell man erntet, da pro Kiste („bin“) bezahlt wird. Denn je mehr Kisten man füllt, desto mehr Geld bekommt man logischerweise. Mit wachsender Erfahrung kann man sein individuelles Tempo steigern. Gepflückt wird immer in einem Team von 10 – 12 Personen und das einzige Problem für mich besteht nun darin, ein eigenes Team zu finden. Die bereits bestehenden brauchen keinen „Neuling“, der das Gruppentempo senken würde. (Zu Recht würden sie das Gefühl haben, für mich mitzupflücken und natürlich wäre es unfair, wenn ich am Ende des Tages das Gleiche ausgezahlt bekäme, wie die erfahrenen Pflücker.) Also muss ich warten, bis sich eine komplett neue Gruppe zusammenfindet.
Es gibt jedoch auch einen Haken: Sobald man über die Kontakte des Hostels einen Contractor findet und einen Vertrag mit diesem unterzeichnet, verpflichtet man sich zugleich für die komplette Saison – will heißen, drei Monate! Will man nun jedoch früher mit dem Erntejob aufhören, hat man dennoch die Unterkunftskosten im Hostel für die kompletten drei Monate zu bezahlen und da man seine Visakarten-Informationen beim Einchecken angeben musste, wird das Geld gnadenlos von dort abgebucht, oder aber per Anwalt eingetrieben. Ich lerne einige Backpacker kennen, die unwissend in diese Falle getappt sind und nun hier aufgrund mangelnder finanzieller Mittel ausharren müssen, ob sie wollen oder nicht.

Da im Hostel momentan keine Betten mehr zur Verfügung stehen, verbringe ich die erste (recht kühle) Nacht im Zelt. Tracy verspricht mir, dass ich das erste bekomme, das frei wird. Tatsächlich checkt am nächsten Morgen jemand aus, und ich ziehe in ein 4-Personen-Zimmer um. Damit habe ich sogar ziemlichen Dusel gehabt, denn es gibt auch Zimmer für acht und mehr Personen. Da die meisten Backpacker hier unter zwanzig und jeden Abend auf Party aus sind, stelle ich mir das Zusammenwohnen in einer so großen Gruppe sehr anstrengend vor. Jeden Morgen findet man im Aufenthaltsraum massenhaft leere Bierflaschen und unter dem Tisch, an dem ich mein Frühstück zu mir nehmen versuche, hin und wieder sogar die ein oder andere unappetitlichere Hinterlassenschaft, die mich ahnen lässt, das dessen Verursacher die letzte Flasche besser nicht hätte leeren sollen.
Leider grenzt die Wand, an der mein Bett steht, an jene des Aufenthaltsraums, an die der Fernseher montiert ist und in der Regel bis in die frühen Morgenstunden hinein, auf volle Lautstärke gedreht, läuft.

In den folgenden Tagen treffen einige neue Leute ein, die Arbeit suchen, aber sobald sie herausfinden, dass sie nicht sofort anfangen können, fahren sie wieder ab. Hätten sie nur die Zeit, ein bis zwei Tage abzuwarten, dann wäre ein neues Team bereits zustande gekommen. Das Problem liegt nämlich darin, genug Backpacker mit Auto in der Gruppe zu haben, die die ganze Gesellschaft (natürlich gegen Benzinkostenbeteiligung) zu den Obstgärten kutschieren könnten.
Kurz darauf lerne ich Sintija kennen, ein nettes Mädchen aus Lettland, die auch auf der Suche nach einem Team ist. Wir freunden uns an und versuchen – nun zusammen – andere potentielle Pflücker zu motivieren, nicht gleich wieder abzufahren.
Nach einigem Hin und Her bildet sich langsam eine kleine Gruppe – darunter zwei Jungs aus Japan mit eigenem Transportmittel. Doch bis wir zur Tat schreiten können, ist es noch ein langer Weg. Der Zuckergehalt der Kiwis ist noch immer zu niedrig und es dauert ein paar Tage, bis wir eine positive Rückmeldung von unserem Contractor John erhalten.

Als es endlich so weit ist, schließen sich spontan ein paar Pflücker aus anderen Teams an, die an diesem Tag keine Betätigung haben und plötzlich stehen wir morgens zu zehnt vor dem Hostel und warten auf John. Er entpuppt sich als ein Inder, trägt dem Klischee gerecht werdend einen weißen Turban und erklärt uns in abgehakten Englisch die Regeln. Dann fahren wir gemeinsam zur Kiwiplantage, in der heute geerntet werden soll. Jeder bekommt einen schwarzen Pflückkorb mit weichen Trageriemen, den man sich vor den Bauch zu schnallen hat. Er hat keinen Boden, läuft dafür aber in einer Art breitem Stoffschlauch aus, dessen Ende man an die Vorderfront des Kobes einhaken kann und somit das Herausfallen der Früchte verhindert. Jeder muss seine Schuhsolen desinfizieren, um das Übertragen von Pflanzenkrankheiten zu verhindern und dann werden wir durch das Labyrinth der Plantagenreihen bis zu unserem heutigen Arbeitsplatz geführt. Jede Reihe ist ungefähr 300 Meter lang.


Die Kiwibäume sind nicht sehr hoch und erinnern sehr stark an Weinreben, denn sie schließen sich über den Köpfen der Pflücker zu einem niedrigen Baldachin zusammen, was einem das Gefühl gibt, in einer endlos langen schattigen Laube zu stehen. In jeder dieser Reihen können 3 – 4 Leute nebeneinander ernten, somit kann man mit einem zehnköpfigen Team drei Reihen auf einmal abdecken. Mindestens einer sollte dabei stets hinter den anderen herlaufen, um die Früchte, die übersehen wurden einzusammeln. Da es niedrigere und höhere Stellen gibt, an denen die Kiwis hängen, bietet es sich natürlich an, die kleineren Pflücker vorzuschicken, die alle tief hängenden abernten, während die großen an den Seiten arbeiten, wo die Früchte höher hängen. Idealerweise pflückt man vier Kiwis auf einmal – zwei in jeder Hand und behält ein stetiges Tempo bei. Eine der Regeln lautete jedoch, dass man 10 Minuten am Rand untätig stehen muss, wenn man mehr als 3 Kiwis pro Reihe fallen lässt. Gar nicht so einfach, wenn man von dem Contractor kontinuierlich mit „pick fast, pick fast“ angetrieben wird, der Korb immer schwerer wird, den Nacken nach unten zieht und man vom ständigen Strecken Krämpfe in den Schultern bekommt… Auch das Ausleeren muss gelernt sein. Hier muss man sich natürlich auch beeilen, aber darf zugleich die Kiwis nicht zerquetschen. Da die Ränder der Holzkisten für mich auf Brusthöhe lagen, musste ich den ohnehin schon schweren Korb jedes Mal hochstemmen, ihn auf der anderen Seite der Kiste langsam wieder absenken, den Schlauchverschluss öffnen und die Früchte durch diesen vorsichtig in die Kiste purzeln lassen. Hat man Zweige und Blätter in der Ladung, bekommt man einen missbilligenden Blick des Contractors, da besonders die kleinen Ästchen die Schalen durchstechen und die Kiwis beschädigen können.




An diesem ersten Tag arbeiten wir von 11:00 Uhr morgens bis 17:30 abends, beernten sechs Reihen und schaffen es, 63 Holzkisten zu füllen, was weit verbesserungsfähig ist.
Am folgenden Tag können wir nur drei Stunden arbeiten, schaffen aber immerhin 23 Holzkisten.


Danach sieht es erst einmal wieder flau mit Arbeit aus. Jedenfalls macht uns unser Contractor keine allzu großen Hoffnungen für die kommenden Tage und unser Team verweht wieder im Winde. Auch muss ich zugeben, dass mich diese Tätigkeit mehr als schlaucht. Trotz heißer Duschen lassen sich die Verspannungen nicht mildern und ich kann mir nicht vorstellen, das mehrere Tage am Stück durchzustehen. Geschweige denn drei Monate. Glücklicherweise habe ich noch keinen Vertrag unterzeichnet und somit die Möglichkeit, die Sache noch einmal zu überdenken.

Am Nachmittag kommt Sintija aufgeregt in mein Zimmer und teilt mir mit, dass sie einen Job in einem der Packhäuser bekommen hat, bei denen sie sich beworben hat. Es liegt in Opotiki, sie kann schon morgen anfangen und für eine Unterkunft ist auch gesorgt. Etwas ernüchtert, dass sie mich nun alleine hier in Te Puke sitzen lässt, bitte ich sie zu fragen, ob dort noch ein weiteres Paar Hände gebraucht wird. Packhausarbeit kommt mir, verglichen mit der Pflückerei im Augenblick wie der Himmel auf Erden vor.

Wieder einmal habe ich unverschämtes Glück. Keine zwei Stunden später meldet sich die Packhausleiterin Jan mit der Nachricht, dass soeben jemand abgesprungen sei und ich deren Platz haben könnte, sofern ich mich sofort entscheide und ebenfalls morgen früh kommen kann. Ohne lange zu überlegen sage ich zu. Adrenalin und Glücksgefühle durchströmen mich. Fort, fort aus Te Puke!
Ich muss lachen, als mir einfällt, dass „to puke“ auf Deutsch „sich übergeben“ bedeutet.
Doch wie soll ich das mit dem Auschecken noch rechtzeitig hinbekommen? Es ist bereits Abend und der Schalter wohl nicht mehr besetzt. Sogleich machen ich und Sintija uns auf den
Weg und erwischen Tracy gerade noch, als sie bereits dabei ist, die Tür zum Office abzuschließen. Erfreut ist sie natürlich nicht über unseren plötzlichen Sinneswandel, jedoch kann sie uns nichts vorschreiben, da wir ja noch keinen Vertrag unterschrieben haben. Nachdem auch das erledigt ist und wir alle Sachen abgegeben haben, buchen wir online unsere Busfahrkarten nach Opotiki. Mit wachsender Freude packe ich meine Sachen. Ich bin sehr aufgeregt, was mich dort erwarten wird.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil wir unsere verbliebenen drei Teammitglieder (die beiden Japaner Taku und Hiro, sowie Hunter, ein netter Junge aus Amerika) so im Stich lassen, also lade ich alle in den Irish Pub zu einem Abschiedsbier ein. Wir versprechen einander, uns auf der Südinsel in Queenstown wieder zu treffen, wo sich die Wege aller Backpacker aus Neuseeland früher oder später kreuzen.

Donnerstag, 13. Juni 2013

Im hohen Norden - Weinanbau in Warkworth

Wie immer genoß ich die Fahrt zu meinem neuen Arbeitsplatz. Besonders, wenn ich, wie heute, mit dem Bus unterwegs war. Ich war schon gespannt, wie es auf dem Weingut in Warkworth, "Bricks Bay" genannt, zugehen würde.

Langsam änderte sich die Landschaft. Während in Stadtnähe noch gepflegte Gärten mit englischem Rasen, ordentlichen Blumenbeeten und gestutzen Hecken zu bewundern gewesen waren, konnte man nun die ursprüngliche, wilde Seite des Landes erahnen. Es waren noch keine wirklichen Wälder - eher hoch gewachsenes Unterholz, aber zumindest bakam man ein Gefühl dafür, welche Mühe es die ersten Siedler gekostet haben musste, diese Wildnis zu zähmem (und in diesem Zustand zu halten).
Nicht, dass ich Mitleid mit ihnen hatte. Wie konnte man in nur zwei Jahrhunderten das Gesicht eines kompletten Landes so zum Negativen ändern? Ich zumindest, habe Neuseeland noch nie mit Urwäldern in Verbindung gebracht. Aber genau so sah es ursprüngwohl einst aus, als nur Maori hier lebten, auch wenn man jetzt an die Bilder von Schafen auf gestutzem Rasen und Hobbits in sonnenbeschienenen Grashügelhäusern gewohnt ist.

Nach etwa einer Stunde - an beide Seiten der Straße grenzten nun nur noch Bäume und Dickicht - sah ich endlich mein erstes "Vorsicht, Kiwis" Warnschild. Natürlich war die Gafahr, einen dieser Vögel zu überfahren, um diese Uhrzeit mehr als unwahrscheinlich, da sie nachtaktiv und äußerst selten geworden sind. Aber es versetzte mich in gute Stimmung nun in ihrer "Nachbarschaft" zu wohnen.

Ich traf mich mit Brian, meinem neuen Arbeitgeber, vor einem großen Einkaufszentrum, direkt gegenüber der Busstation, nachdem ich mich für die nächsten paar Tage noch mit Lebensmitteln eingedeckt hatte.
Da ich die Konditionen nicht kannte, unter den ich nun für ein paar Wochen leben würde, beschränkte ich mich auf haltbare Nahrung (wie Obst, Brot und Käse), die ich zur Not auch ungekühlt würde lagern können. Nur eine Packung Milch für mein Müsli und die tägliche Tasse Earl Grey nahm ich wagemutig mit.
Brian hatte mir nämlich am Telefon gesagt, dass bereits ein Backpackerpaar aus der Slowakai, eine Taiwanesin, drei Kiwis (Neuseeländer) und seine Freundin (eine Deutsche) auf Bricks Bay arbeiteten. Wer weiß wie viel Platz im Kühlschrank ich also zugestanden bekommen würde?

Ich wurde mit einem dieser kleinen weißen Laster, die nur zwei Vordersitze und eine Ladefläche besitzen, abgeholt. Was ich auf Letzterer für eine angekettete Ziege hielt, entpuppte sich als großer Hund, der auf den Namen "Bloyd" hörte. Jedenfalls glaube ich, dass man ihn so schreibt. Der Hund gehörte Brians Freundin Annett, die seit ein paar Jahren in Neuseeland lebte. Obwohl sie Deutsche war, unterhielten wir uns nur auf Englisch - zum Einen aus Höflichkeit sollte jemand zuhören, aber auch, weil es nervig war, ständig die Sprache zu wechseln. Schließlich war ich nicht hier, um mich in meiner Muttersprache zu üben.


Einen ersten Überblick über das Weingut bot sich mir, als wir durch das Tor fuhren. Die Straße lag etwas höher, als mein zukünftiger Arbeitsplatz und so konnte ich einen raschen Blick auf das Meer, sowie die grünen Hügelchen erhaschen, auf denen sich die Weinreben ordentlich aneinanderreihten. Am Fuße eines Hügels fläzte sogar ein kleiner See, in dessen Mitte, brückengleich, ein langes Glasgebäude errichtet worden war. Es erinnerte an ein Gewächshaus, war aber tatsächlich ein Café. Unmittelbar daneben war eine große Fläche geebnet und zubetoniert worden und diente nun als Parkplatz.
An all dem fuhren wir vorbei, weiteren Hügel hinauf und hinunter, hin und wieder über einige Metallgitter (welche die Schafweiden effektiver als eine Mauer einzugrenzen, da die Tiere das Gitter nicht überqueren konnten), bis wir schließlich eine kleine Gebäudegruppe hinter einem der letzten Hügel erreichten. Dort trafen wir das gesamte Team bei ihrer ersten "smoko" an. (Als "smoko" werden hier die zehnminütigen Pausen bezeichnet, in denen die Arbeiter eine Zigarette rauchen und einen Kaffee trinken können. Es gibt zwei bis drei dieser Pausen - je nach Länge des Arbeitstages. Normalerweise gegen 10:00 Uhr morgens und 3:00 Uhr mittags.)

Wie sich herausstellte, befand sich mehr als genug Platz im Kühlschrank für meine Einkäufe, da in der unmittelbaren Umgebung der Küche und des Gemeinschaftsraumes, nur das Slowakische Pärchen, und die Taiwanesin wohnten. Jeder von uns hatte ein eigenes Zimmer in verschiedenen Holzbaracken, auch wenn in jedem davon bis zu drei Betten standen. In der Hochsaison war dieser Ort wohl für einen Haufen Helfer vorgesehen.

Brian und Annett lebten in einem hübschen Haus, etwa fünf Minuten entfernt auf einem anderen Hügel (mit Meerblick) und die drei Kiwis im Dorf, bzw. einem ausgebauten Autobus.

An meinem Ankunftstag musste ich noch nicht arbeiten. Ich richtete mich also stattdessen häuslich ein und erkundete die Umgebung.
Es gab ein paar Gehege mit Nutztieren, wie Enten, Hühnern und ein Mutterschwein mit drei Ferkeln. Sie alle würden über kurz oder lang im Kochtopf enden. Immerhin gab es dank der Hühner jeden Morgen ein frisch gelegtes Frühstücksei.

Das Meer war nicht weit entfernt und ich nahm mir vor, an meinem nächsten freien Tag eine kleine Wanderung dorthin zu machen. (Dies verschob sich jedoch auf meine letzte Woche)


Die Trauben, der Wein und das Glascafé waren die Haupteinnahmequellen.
Eine andere Attraktion, die vor allem die Leute bewegen sollten, sich hierherzubegeben, war der Künstlerpfad.

Dabei handelte es sich um einen kleinen Trampelpfad, der sich um die Hügel und durch einen künstlich angelegten Wald schlängelte. (Der Wald war mit einheimischen Pflanzen hochgezogen worden und sollte die Besucher in die Zeit vor der Besiedlung versetzen.) In Sichtweite oder in unmittelbarer Nähe dieses kleinen Weges konnte man verschiedene Plastiken und Skulpturen bewundern, die von Neuseeländischen Künstlern hergestellt worden waren. Einige davon gefielen mir sogar sehr gut - darunter drei riesige, kunterbunte Windräder auf der Spitze eines Hügels und einige sehr schlicht gehaltene Metallvögel. Alles natürlich unerschwinglich. Wenn ich mich richtig erinnere kostete eines der Windräder um die 50.000 Dollar.

Ich hatte gehofft, hier viel über den Weinanbau und das Keltern von Wein zu lernen, aber leider wurde ich in dieser Hinsicht enttäuscht. Wir arbeiteten sechs Tage pro Woche, aber an mindestens fünf davon, wurde unsere Hilfe nur für das Jäten der Blumenbeete, der Gartenanlagen oder der Grünflächen benötigt. Uns wurde anhand der Größe der unerwünschten Pflanzen klar, dass diese Unkrautbeseitigung nur einmal im Jahr durchgeführt wurde - und dann alles auf einmal von Anfang an - anstatt sie in diesem Zustand zu halten (was meiner Ansicht nach weitaus einfacher gewesen wäre). Andererseits wurde unsere Hilfe, dafür, dass wir nur Diesteln ausrissen, überaus großzügig bezahlt. Daher hielten wir lieber den Mund.


Ab und zu halfen wir auch dabei, die Netze, die über die Weinreben gespannt worden waren einzuholen und in Säcke zu stopfen.
Natürlich nur von denen, die keine Trauben mehr hatten, da die Netze als Vogelschutz dienten.
(In meinen Augen waren sie aber eher gemeine Fallen, den wir fanden mehrere tote Tiere, die sich in den Maschen verstrickt hatten. Ein Huhn und ein Pekaküken konnten wir allerdings - wenn auch etwas zerrupft - daraus befreien)


An jedem Samstag gab es eine willkommene Abwechslung: Wir wurden auf die Weinhügel zum Ernten gerufen. Da wir für diese Tätigkeit zu wenig Hände hatten, rekrutierte Brian zusätzlich einige der Anwohner - zumeist ältere Kiwis.
Wir fingen früh am Tage an, wenn die Wiesen noch feucht von Morgentau waren, ausgerüstet mit je einem Plastikeimer, Seitenschneider und Handschuhen. Damit arbeiteten wir uns Reihe um Reihe voran und knipsten die, durch die Sonne zu einem satten dunkelviolett gereiften Weinreben ab. Jene, die von Insekten und Vögeln angefressen, oder von der Sonne ausgedörrt worden waren, ließen wir einfach zu Boden fallen, wo sie entweder verrotteten, oder von Bloyd dankbar verspeist wurden. (An diesem Tag wurden die Tretminen, die er legte, gefährlicher als sonst.) Während unserer ersten smoko fuhren wir alle zum Glascafé und wurden dort mit Muffins, Kuchen und Kaffee bewirtet. Ein Grund mehr, warum ich die Erntetage so genoß.

Ich verbrachte fast einen Monat auf Bricks Bay, aber da wir fast nur jäteten, gibt es leider nicht sehr viel anderes über diese Zeit zu berichten. An unserem freien Tag erledigten wir meistens nur unsere Einkäufe für die kommende Woche, kochten etwas Leckeres oder lagen einfach nur auf der faulen Haut.
Eines Abends wurden wir zu Brian und Annett eingeladen. Wir tranken Bier und unterhielten uns, aber ich machte mich recht bald vom Acker, weil alle anderen dazu tendierten, sehr viel zu Rauchen - besonders ein spezielles unangenehm riechendes Kraut.
An einem anderen Tag gingen wir nach Feierabend alle zusammen zum Strand, sonnten uns und nahmen ein kurzes Bad im kalten Wasser. Und einmal fuhr ich mit Annett alleine ins nächste Dorf und wir sahen uns im Kino "der Zauberer von Oz" an.

Allerdings gab es ein langes Wochenende vom 29. März bis 1. April, aufgrund von Karfreitag und Ostermontag. Und da ich keine Ahnung hatte, ob sie eine solche Chance noch einmal bieten würde, beschloss ich, an diesem Wochenende den Norden zu erkunden. Den Freitag brachte ich mit Planen und Erholen zu: Ich buchte meinen Bus nach Whangarei und zurück, rief beim lokalen Shuttleunternehmen an (um mich in Bricks Bay aufzulesen und nach Warkworth zur Haltestelle zu fahren) und meldete mich für eine Schnorcheltour zu den "Poor Knights Islands" (Arme-Ritter-Inseln) - inklusive Shuttletransport zum Tutukaka-Campingplatz am Sonntag und einen Fallschirmsprung über den "Whangarei Heads" am Montag an.
Am Samstag stand ich in aller Frühe auf, packte die notwendigen Sachen, wie Badeanzug, Windjacke und Zelt zusammen und machte mich auf zur Hauptstraße, wo mich der Shuttlebus auflesen und für nur 2 Dollar in die Stadt bringen würde. Allerdings ging dieser Teil des Plans nach hinten los - hauptsächlich durch meine eigene Schuld, da ich nicht wusste, welche der beide Straßenspuren nach Warkworth führten. Somit hatte ich auch keine Ahnung, auf welcher Seite ich nach dem Bus Ausschau halten musste. Einer fuhr an mir vorbei, hielt aber trotz Winken nicht an. Die Uhr tickte und es war schon fast eine Halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit, als ein Auto neben mir hielt. Ein altes Ehepaar mit Hund erkundigte sich, warum ich hier im Regen stand (ja es regnete und ich sah aus wie ein begossener Pudel - habe ich vergessen zu erwähnen).
Ich erklärte ihnen meine Misere und obwohl sie gerade aus der Stadt kamen, hatten sie soviel Mitleid mit mir, dass sie umkehrten, mich einluden und bis zur Busstation brachten!
Ab hier ging alles mehr oder weniger glatt. Ich kam pünktlich in Whangarei an, aber auch mein Shuttlebus zum Campingplatz verspätete sich um fast drei Stunden. Glücklicherweise hatte ich nichts Weiter für diesen Tag geplant und so wartete ich mehr oder weniger geduldig. Endlich im Holiday Park von Tutukaka angekommen, baute ich mein kleines Zelt auf und ging zum Tauchclub um meine Ausrüstung zu mieten und den Ausflug zu bezahlen. Leider durfte ich nicht Tauchen, weil ich dazu die Einverständniserklärung meines Arztes benötigt hätte und ich zu ehrlich war, um die Tumoroperation zu verschweigen. Aber mir wurde versichert, dass es auch ohne Sauerstoffflasche ein tolles Erlebnis werden würde.

Die Schnorcheltour war wirklich wunderschön. Wir fuhren mit einem großen, zweistöckigen, yachtartigen Motorboot hinaus zu den Poor Knights Island. Keiner wusste bestimmt, warum sie so hießen. Aber es gibt Vermutungen. Einige sind der Meinung, die Inselgruppe sähe von Weitem so aus, wie die Silhouette eines liegenden Mannes in Rüstung mit Schild, die anderen glauben, sie erinnern eher an die Süßspeise "Armer Ritter". Aber entscheidet selbst:



Mich faszinierte eher die Tatsache, dass das Betreten der Inseln (aufgrund der steilen Küsten ohnehin fast unmöglich) verboten war. Sie sind ein Naturreservat, inklusive des Riffs, denn viele Vögel, eine Ureidechsenart und tropische Fische leben dort. Früher siedelten Maori dort, aber sie kamen fast alle bei einem Massaker mit einem anderen Stamm um.
Endlich ging es ins Wasser und wir zogen unsere Neoprenanzüge an. Das war etwas unangenehm, denn sie waren vom letzten Tauchgang noch klatschnass, und das Hineinschlüpfen gestaltete sich als sehr schwierig. (In etwa, als wolle man einen nassen Schlafsack in seine Hülle zwängen.) Der Anzug bestand aus zwei Teilen - Latzhose und einer Art Babybody mit Reißverschluss, den man geschmackvoll über der Hose trug. Meine Gänsehaut hatte zudem die Wirkung von Radiergummi und ich war schweißgebadet, als ich es endlich geschafft hatte. Steif richtete ich mich auf. Meine Arme standen zur Seite ab und ich fühlte mich 30 Kilo schwerer. Aber im Wasser wurde es glücklicherweise besser. Es war sehr kalt und ich war froh, die Anstrengung in Kauf genommen zu haben. Tatsächlich sah man auch als Schnorchler sehr viel. Ich schwamm durch Algenwälder und begegnete vielen bunten Fischschwärmen. Als ich mich später in der Mittagspause mit den Tauchern ausstauschte, bekam ich sogar den Eindruck, die bessere Wahl getroffen zu haben. Sie hatten nicht besonders viel Außergewöhnliches gesehen und zudem 150 Dollar mehr bezahlt als ich.

Wir kurvten etwas um die Inseln herum, besichtigten eine große Höhle und machten einen weiteren Stop, um eine andere Stelle tauchend erkunden zu können. Diesmal blieb ich nur etwa eine halbe Stunde im Wasser, dann nahm ich ein anderes Angebot wahr und lieh mir ein Kajak. Paddelnd genoß ich die warme Sonne und ließ mich unter den Steinbögen hindurchtreiben.
 

Die Nacht im Zelt war sehr mückenreich. Ich weiß nicht, durch welche Löcher sie schlüpften, aber während ich versuchte, im Schein meiner Stirnlampe zu lesen, erlegte ich vier davon.
Am Sonntag rief ich bei der Skydive-Organisation an, um mich nach dem Wetter und den Chancen zu erkundigen, dass es heute möglich war. Tatsächlich hatte ich Glück und so packte ich zusammen und nahm den Shuttlebus zum Flughafen von Whangarei.

Es war ein winziger Flughafen - nur für nationale Transporte. In der Nähe der Landebahn befand sich das kleine, orangene Gebäude der Organisation. Ich musste warten, da das kleine Flugzeug gerade Gäste nach oben beförderte. Auch hier musste ich eine Einverständniserklärung unterschreiben und mich für die Höhe entscheiden (8.000, 10.000 oder 12.000 Meter) Ich wählte die goldene Mitte, was mich 300 Dollar kostete und harrte, nun schon etwas aufgeregt aus. Von unten beobachteten wir, wie über uns nach und nach kleine farbige Punkte am blauen Himmel erschienen. Die Fallschirme hatten sich geöffnet. Es sah toll aus, wie sie zwischen den großen, flauschigen Wolken gen Erde schwebten und ich wurde immer ungeduldiger.


Endlich landete das kleine Flugzeug, mir wurde der Tragegurt umgeschnallt und ich bekam eine Fliegermütze und Schutzbrille. Dann kletterten ich, mein Tandempartner (der den Fallschirm öffnen und lenken würde), ein qualifizierter Alleinspringer und der Pilot in die winzige Kabine. Innen befand sich nur der Sitz für den Piloten, alle anderen waren herausgenommen und die Wände vertrauenserweckend mit blauem Klebeband versehen worden. Der Flug war unruhig aber spannend. Auf 8.000 Meter wurde die kleine Tür aufgerissen, ein starker Luftzug fegte durch die Kabine und der Alleinspringer stürzte sich in die Tiefe, während sich das Flugzeug immer weiter hinaufschraubte. Nach wenigen Minuten war es endlich soweit, mein Tandempartner (der sehr stark nach Zigaretten und Kaffee roch) hakte meinen Gurt vor den seinigen befestigte einige Gurte zwischen uns und ich bekam derweil meine Instruktionen zugebrüllt. Füße fest auf das Trittbrett! Nach hinten lehnen! Beine anwinkeln! Fallen lassen! Party (Spaß haben)!
Schon das erste war kaum umzusetzen, da der Wind derartig stark an meinen Beinen riss, dass ich sie kaum auf dem Trittbrett halten konnte. Zum Glück saß mein Partner noch hinter mir in der Kabine, sonst wären wir wohl fortgeweht worden. Ich hielt mich trotzdem am Flugzeugträger fest. Es wurde noch irgendetwas zurechtgeruckelt und dann befanden wir uns auch schon kopfüber im freien Fall. Mein Partner drehte uns um 180° und animierte mich dazu, Freudenjuchzer auszustoßen. Er zeigte nach unten und schrie mir irgendetwas über die Landschaft ins Ohr, das ich nur halb verstand. Ich wollte vor allem das Gefühl der Erdanziehung und der Geschwindigkeit genießen und nickte geistesabwesend. Leider war es viel zu schnell vorbei und nach 40 Sekunden öffnete er den Fallschirm. Es gab einen gewaltigen Ruck und wir wurden nach oben gezogen. Danach schwebten wir fast acht Minuten lang sanft zu Boden, der Wind brauste um meine Ohren und ich finde einfach keine Worte um dieses Gefühl zu beschreiben, nichts unter den Füßen zu haben, aber dennoch komplettes Vertrauen in die Tatsache, heil unten anzukommen.
Die Euphorie dieses Erlebnisses hielt noch auf der ganzen Busfahrt zurück nach Warkworth an.

Brian hatte mir nicht gesagt, wie lange ich für ihn würde arbeiten können. Daher dachte ich zunächst, es sei ein Scherz, als er mir nach etwa drei Wochen während unserer Smoko mitteilte, dass er mich nur noch drei Tage brauchen würde. Hier hatten alle einen ausgesprochen sarkastischen Humor, deshalb nahm ich es nicht ernst und lachte nur. Nun jedoch interessiert, fragte ich ihn nun, wie lange er mich (ernsthaft) zu beschäftigen gedenke. So erfuhr ich, dass es tatsächlich nur noch drei Tage sein würden, was mich etwas ernüchterte. Es wäre doch höflich gewesen, mich ein bisschen eher zu informieren, damit ich mir einen neuen Job würde suchen können. Allerdings meinte Brian, ich könne so lange auf Bricks Bay wohnen bleiben, bis ich etwas gefunden hätte.

So machte ich mich noch am selben Abend auf die Suche und klapperte die schwarzen Bretter im Internet ab.

Ich brauchte noch mindestens zwei weitere Monate im Gartenbau, um mein Visa verlängern zu können und deshalb schränkte ich meine Suche auf Erntehilfe und Packhausarbeit ein. Leider gab es nicht viel Auswahl. Viele hatten ihr Team schon zusammen.

Letztendlich bekam ich aber doch noch eine positive Antwort aus Te Puke, einem Kiwianbaugebiet an der unteren Ostküste. Es wurden dringend Leute für die Ernte gesucht.
Mich verwunderte nur etwas der Arbeitgeber. Es war kein Plantagenbesitzer, sondern ein Backpackerhostel. Dieses hatte wohl Kontakt mit einigen Kiwibauern und die Bedingugen verursachten mir einige Magenschmerzen. Zum Beispiel, dass man nach erfolgreichem Vertragsabschluss dazu verdammt... ich meine natürlich, sich dazu bereit erklärte, in ebenjenem Hostel wohnen zu bleiben - denn andernfalls würde die Miete für die komplette Saison von der Kreditkarte abgebucht werden, deren Daten praktischerweise schon zuvor eingeholt worden waren!
Doch vielleicht war das hier ja so üblich und ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. Ich versuchte also, nicht weiter darüber nachzugrübeln und der Angelegenheit zu vertrauen. Immerhin war das die einzige Zusage, die ich bisher bekommen hatte. (Später meldete sich zwar noch ein anderer Weingartenbesitzer, der Erntehilfen suchte, aber dieses Jobangebot war auf nur eine Woche begrenzt und ich wollte etwas Neues ausprobieren.)

Ich packte am Wochenende also wieder einmal meine Sachen und buchte mein Busticket nach Te Puke.


P.S.: Ich würde mich über ein paar Kommentare freuen, wenn ihr meinen Blog noch immer regelmäßig verfolgt. Ich weiß nicht, wer das überhaupt noch tut. Aber Anregungen für die nächsten Berichte, Kritiken, Wünsche oder Fragen sind immer willkommen. Es würde mich auf jeden Fall motivieren, diese Seite auf dem Laufenden zu halten. Ohne Feedback ist das ein bisschen, als würde ich mit mir selber reden... Danke. :)

Dienstag, 21. Mai 2013

Zurück ans andere Ende der Welt



Unwirklich.
Das war das Erste, was mir durch den Kopf ging, als ich den Flughafen in Auckland verließ und im Shuttlebus zum Hostel saß. Ich starrte aus dem Fenster und sah die nun schon vertraute Landschaft vorbeifliegen.
Vor einigen Stunden war ich noch in Korea bei meinem Freund gewesen und nun, ohne Rücksicht auf meine Hormone, die gar nicht wussten wie ihnen geschah, bereits weiterkatapultiert in eine komplett andere Kultur, die zugleich fremder und doch näher verwandt mit meiner eigenen war, als die Ostasiatische. Nach einer Woche 24/7 mit ihm musste ich mich erst wieder daran gewöhnen, allein zu sein. Dennoch dauerte es ein paar Wochen, bis mir das gelang und ich ihn nicht mehr allzu schmerzhaft vermisste...

Das Taxi setzte mich vor meinem ehemaligen Hostel ab, wo die ganze Miesere begann und ich hätte nun eigentlich euphorisch sein sollen. Wie oft hatte ich mir vorgestellt, wie es sein würde hierher zurückzukommen, um abzuschließen, was ich vor einem halben Jahr begonnen hatte. Gefühle des Triuphes waren stets ein Teil dieser Vorstellung gewesen, doch wie so oft sah die Realität ganz anders aus.
Diese Erkenntnis schockierte mich etwas. Hatte ich diese Gefühle nicht eigentlich verdient, nach allem, was ich daran setzte, um schnellstmöglich wieder in Neuseeland zu sein? Doch meine Stimmung änderte sich einfach nicht, egal wie oft ich mir vor Augen hielt, dass ich tatsächlich wieder HIER war.

Natürlich war ich froh, dankbar und auch ein bisschen stolz, dass sich alles zum Guten gewendet hatte. Auckland! Vor sechs Monaten hatte ich versucht mich damit abzufinden, dass dieser Ort das erste und einzige war, dass ich je von Neuseeland zu Gesicht bekommen würde. Zumindest in den nächsten zehn Jahren. Immerhin gab es noch andere Länder die mich ebenso reizten, wenn nicht gar mehr.
Dennoch war mir klar gewesen, dass ich nur mit diesem Ziel erreichen konnte, was ich wollte: Eine schnellstmögliche und komplette Genesung. Und es schien geholfen zu haben. Immerhin war ich nach nur zwei Monaten nach der Operation wieder unterwegs! :)

Nun doch erheblich beschwingter betrat ich das Hostel, in dem ich die Wochen vor meiner überstürzten Abreise verbracht hatte und meldete mich zurück. Der Verwalter, mit dem ich während der ganzen Zeit meiner Abwesenheit Kontakt gehalten hatte, empfing mich wie eine verschollene Verwandte und auch die Besitzerin Yaping begrüßte mich herzlich. Noch bevor ich mein Gepäck aufs Zimmer bringen konnte, wurde mir ein Job angeboten. Drei Stunden Arbeit am Tag im Austausch für die Miete. Dankbar nahm ich an. Das würde mir ein erstes Erfolgsgefühl geben und zugleich meine Ersparnisse schonen, bis ich einen Vollzeitjob gefunden hätte.
Drei Tage lang verrichtete ich also Dinge im Haushalt: Ich schrubbte die alten, vergammelten Kühlschränke, bis sie wieder wie neu aussahen, saugte die Flure und ordnete Bücherregale.



Während dieser Zeit erledigte ich auch die Dinge, zu denen ich vor dem Abflug nicht mehr gekommen war: Ich änderte das PIN-Problem meines Mobiltelefons, bewarb mich bei verschiedenen Arbeitgebern auf "backpackerboard.co.nz" und besorgte mir endlich meine IRD-Nummer.
Letzteres ging überraschend glatt. Nach der Arbeit fuhr ich mit dem Bus ins 30 Minuten entfernte Manukau City Center und stellte mich an den Schalter. Telefonisch war dies leider nicht möglich gewesen, da die Leitung ständig besetzt oder Mittagspause war.
Doch ich bekam von der netten Dame am Empfang nicht nur einen Termin, sondern diesen auch noch unverzüglich! Nach Durchsicht meiner Unterlagen überreichte mir eine andere Angestellte nach wenigen Minuten eine Visitenkarte mit einer Zahlenkombination, die ich ihr laut vorlesen musste. Erst auf meinen verwirrten Gesichtsausdruck hin erklärte sie dazu, dass ebenjene bereits meine ersehnte IRD-Nummer sei.
Ich hatte keine Ahnung, dass dies so schnell möglich war. Die Erfahrungen meiner Bekanntschaften hatten mich auf eine Wartezeit vorbereitet. Sie alle hatten bis zu zwei Wochen ausharren müssen, bis die Nummer erstellt worden war. Doch vermutlich erhielten Backpacker, die die Mühe nicht scheuten und persönlich vorbeikamen eine Sonderbehandlung. Grinsend fuhr ich nach Mt. Eden zurück.

Am nächsten Morgen, während ich im Garten die Rosenbeete jätete, erhielt ich einen Anruf aus Warkworth. Dort hatte ich mich um einen Job bei der Traubenernte beworben und bekam nun die Zusage dafür. Natürlich nahm ich sofort an und versprach, gleich den Bus am folgenden Tag gen Norden zu nehmen.
(Meine halbjährige Abwesenheit galt leider nicht für mein Working Holiday Visa, das weitergelaufen war, als hätte ich Neuseeland nie verlassen. Somit waren fünfeinhalb Monate meiner Aufenthaltserlaubnis verloren, die ich nicht zurückbekommen würde. Von der Botschaft hatte ich jedoch auf Nachfrage die Information erhalten, dass ich das Visum um ein Vierteljahr verlängern könne, wenn ich drei Monate im Gartenbau (horticulture) tätig war. Dazu zählte also natürlich auch Erntehilfe.)

Glücklicherweise war es kein Problem den Job im Hostel bereits nach drei Tagen an den Nagel zu hängen. Sie hatten ihn mir ohnehin nur angeboten, um mir zu helfen und den Stress zu reduzieren. Eigentlich brauchten sie nicht unbedingt Hilfe. Also organisierte ich mir ein Busticket und packte meine Sachen...

Donnerstag, 28. Februar 2013

Tschüss Deutschland - Hallo Korea

sodele...

Morgen ist es endlich so weit - ich bin wieder unterwegs...

Zunächst geht es für eine Woche nach Seoul, Korea zu meinem Freund, am 09.03.13 dann weiter nach Auckland, Neuseeland, wo ich am 10. ankomme.

Geschafft, Juchuuuu :D

Ich drück euch alle!
Kiri

Mittwoch, 6. Februar 2013

Tumor ade...

Die Wochen vor der Tumor-OP schleppten sich dahin. Glücklicherweise konnte ich die ganze Zeit arbeiten und hatte somit immerhin eine sinnvolle Aufgabe, die mich ablenkte.

Endlich war es soweit. Am Morgen des 10. Januars fuhr mein Vater mich zur Uniklinik Tübingen. Wie versprochen kam er nicht mit rein, sondern setzte mich nur vor dem Krankenhaus ab und fuhr dann zur Arbeit. Ich hatte in den letzten Tagen meine Familie schon darauf vorbereitet, dass ich die Angelegenheit lieber alleine hinter mich bringen würde. Immerhin war ich dafür extra nach Deutschland zurückgekommen, Händchen halten war wirklich nicht nötig.

Insgeheim hatte ich gehofft, dass die Operation noch am selben Abend stattfinden würde. Aber zu meiner Enttäuschung kam ich erst am nächsten Tag unters Messer. Dafür wurden noch einige MRT-Aufnahmen gemacht, um den Tumor genau zu lokalisieren, ich musste die Einverständniserklärungen unterschreiben und wurde über die OP belehrt. Hier fragte ich jedoch lieber nicht so genau nach und wollte auch nicht hören, was exakt gemacht werden würde. Manchmal ist es besser, nicht alles zu wissen und den Chirurgen zu vertrauen.

Es ist merkwürdig, sich in einem Krankenhaus zu befinden ohne krank zu sein, einen Kranken zu besuchen oder dort zu arbeiten. Wer legt sich schon am hellichten Tage ins Bett, wenn es ihm gut geht? (Die Mittagsschläfer mal ausgenommen.)
Sehr viele Möglichkeiten hat man aber leider auch nicht, sich anderweitig zu beschäftigen. Also holte ich mein Notebook hervor und schaute mir bis zur Dämmerung Dokumentationen an, die wir über die letzten Monate hinweg aufgenommen hatten und begann ein Hörbuch, das ich von einer Freundin für diesen Zweck geschenkt bekommen hatte.
Glücklicherweise hatte ich eine nette Bettnachbarin, die sehr diskret und zurückhaltend war. Sie machte nachts keine lauten Geräusche und versuchte nicht, mich zwanghaft in irgendwelche Gespräche zu verwickeln.

Wirklichen Hunger hat man auch nicht, wenn man sich nicht richtig bewegt - besonders dann nicht, wenn man von den letzten Monaten körperliche Arbeit gewohnt ist...
Das fahle, ungewürzte Klinikessen trug auch nicht gerade dazu bei, meinen unvorhandenen Appetit anzuregen und so stocherte ich etwas lustlos darin herum und versuchte, zumindest etwas davon in meinen Magen zu befördern, denn ab Mitternacht musste ich nüchtern bleiben. Nicht einmal Wasser durfte ich dann noch trinken.

Am nächsten Morgen bekam ich die Nachricht, dass es leider noch ein wenig dauern konnte, bis ich an der Reihe wäre. Vor mir waren noch zwei andere Patienten dran. Also beschäftigte ich mich weiter mit Hörbuch und Dokus.
Gegen zwei Uhr Mittags kam endlich eine Schwester und brachte mir mein OP-Outfit, das aus einem Paar weißer Stützstrümpfe mit offener Zehenkuppe, einem luftigen Flügelhemd mit Viereckmuster und einer flotten Netzunterhose bestand. Ausserdem wurde mir eine Beruhigungstablette verabreicht. Ich sah ein letztes Mal in den Spiegel und sagte einem Teil meiner Haare Lebewohl, denn ich wusste nicht, wie viele davon ich würde einbüssen müssen...
Um halb drei wurde ich dann in meinem Bett in den OP gefahren. Dort musste ich den fahrbaren Untersatz wechseln und auf eine schmalere Liege robben. Damit wurde ich in einen kleinen Raum geschoben, wo ich meine Narkose erhalten würde. Neue Venenkatheter wurden gelegt und ein Arzt erklärte mir den Vorgang.

Am meisten hatte mich immer schockiert, wenn Patienten berichteten, dass die Narkose bei ihnen nicht gewirkt habe und sie die ganze Operation, inklusive Schmerzen miterlebt hatten, ohne in der Lage gewesen zu sein, auf sich aufmerksam zu machen. Also fragte ich, woran er merken würde, dass ich tatsächlich schlafe und er meinte, dass er davon ausgehen könnte, wenn ich nicht mehr auf seine Fragen antwortete.
Der Eingriff würde mit etwas Glück ca. drei Stunden dauern.
Er hielt mir eine Maske entgegen, aus dem das Gasgemisch strömte und ich glaube, es dauerte tatsächlich nur ein paar Sekunden, bis ich bewusstlos wurde.

Als ich aufwachte (bzw. aufgeweckt wurde) war es bereits 10 Uhr abends. Mein Hals war wund und ich hatte einen schrecklichen Durst, also bat ich um Wasser, das mir jedoch verwehrt wurde. Es sei noch zu früh, erklärte mir ein Pfleger und brachte mir stattdessen einige Zitronenstäbchen als Mundbefeuchter. Sie waren immerhin eine willkommene Abwechslung und schmeckten wie Lemocin-Halstabletten, die ich als Kind so gerne gelutscht habe.
Mein Kopf war mit einem gewaltigen Druckverband umwickelt, der ihm die Größe einer Melone gab und eine Seitenlage unmöglich machte. Außerdem hatte ich einen Blasenkatheter gelegt bekommen, der die Bewegungsfreiheit zusätzlich einschränkte, sowie einen Herzkatheter durch den stetig ein Schmerzmittel floß und über den ich im schlimmsten Falle intravenös ernährt hätte werden können.

So dämmerte ich auf der Intensivstation einige Stunden vor mich hin und lauschte dem geschäftigen Treiben in den anderen, mit Vorhängen abgetrennten Bereichen. Bei dem Patienten neben mir wurde scheinbar in regelmäßigen Abständen irgendeine Flüssigkeit abgesaugt, aber ich versuchte mir nicht vorzustellen, worum es sich handelte, wenn wieder das schlürfende, gurgelnde Geräusch ertönte.
Zweimal musste ich mich erbrechen. Ich träumte von einem riesigen See kribbelndem Sprite, in den ich mich stürzen und nach Herzenslust trinken konnte. Ich lechzte nach Flüssigkeit.
Und endlich war es mir gestattet. Ich bekam eine Flasche Sprudel und eine Schnabeltasse. Die ersten Schlucke waren die köstlichsten, die ich je in meinem Leben getrunken habe.

Meine Pfleger und Schwestern wechselten drei Mal, bis ich irgendwann am nächsten Tag aus der Intensivstation entlassen und zu einem erneuten MRT gebracht wurde, bei dem kontrolliert wurde, ob sich zu viel Blut in der Wunde sammelte. Bei dieser Gelegenheit wurde ich auch immerhin von dem Herzkatheter befreit. Er war mit zwei Stichen an meinem Hals angenäht, aber ich spürte es kaum, als sie gezogen wurden. Die Schwester bat mich, einmal kräftig zu husten und schon war ich das Ding los. Hätte ich es gesehen, bevor es mir gelegt worden wäre, hätte ich wohl ein wenig Muffensausen gehabt. Es bestand aus drei langen Schläuchen und davon sah eigentlich keiner so aus, als passe er durch eine Schlagader.

Scheinbar war in meinem Kopf alles in Ordnung, denn danach kam ich wieder zurück in mein normales Zimmer. In der ersten Nacht bekam ich noch künstlich Sauerstoff durch einen Nasenschlauch.
Ich verbrachte insgesamt nur sieben Tage stationär. Einmal besuchten mich meine Eltern und einmal Freunde. Dazwischen gaben sich die Ärzte die Klinke in die Hand. Zusammen mit meiner Therapeutin und einer anderen Patientin die exakt die gleiche OP hinter sich hatte, machte ich drei Tage nach dem Eingriff meine ersten Schritte, nachdem endlich auch der Blasenkatheter entfernt worden war.
Kurz darauf musste ich auch den Druckverband nicht mehr tragen und bekam stattdessen einige Pflaster über die Naht geklebt.

Ich hatte mir die Narbe zum einen etwas Eindrucksvoller vorgestellt, zum anderen gehofft, sie sähe weniger aus wie bei Chucky. Nüchtern gesehen, hatten die Chirurgen natürlich erstklassige Arbeit geleistet. Die Wunde war sauber, es gab keine hässlichen Verfärbungen durch innere Blutungen und sie war gut genäht. Aber dennoch war es ein ungewohnter Anblick, denn die Naht war ca. 15 cm lang und erstreckte sich entlang meines Haaransatzes auf der Stirn von meiner rechten Augenbraue, über die Schläfe bis hin zu meinem linken Ohr. Sie hatten mir ungefähr sechs Zentimeter meiner Haare abrasiert und extra so geschnitten, dass die nachwachsenden Haare die Narbe mit der Zeit vollständig überdecken würden.
Schon in wenigen Monaten wird man sie wohl nur noch erfühlen können.



Beim Aufstehen wurde es mir in den ersten Tagen noch leicht schwindelig und ich musste alles sehr ruhig angehen lassen. Ich lieh mir von meiner Bettnachbarin sogar den Rollator und tapste wie eine 90-jährige unbeholfen herum. Aber nach und nach wurde ich wieder sicherer auf den Beinen und mein Gleichgewichtssinn gewöhnte sich an die Situation. Ich musste jedoch noch eine ganze Weile darauf achten, beim Bücken den Kopf nicht nach unten hängen zu lassen, denn dann kam der Schwindel zurück.
Meine Haare durfte ich leider erst zwölf Tage nach dem Ziehen der Fäden zum ersten Mal wieder waschen. Dabei stanken sie unangenehm nach dem Blut, das während der OP nach hinten gelaufen war und ihnen die Struktur von ungekochten Ringelnudeln gab.
Das Entfernen der Fäden an sich war überhaupt nicht schmerzhaft, es zupfte nur ein wenig, da meine Kopfhaut auf und direkt hinter der Narbe noch taub war. (Das ist sie noch immer)

Anmerkung:
Inzwischen sind drei Wochen vergangen und die ersten Stoppel bereits einen Zentimeter lang. Die Wunde ist im Großen und Ganzen wunderschön verheilt, so dass nur noch ein rosa Strich zu sehen ist. An einigen Stellen ist die Narbe jedoch wulstig und es gibt drei kleine Bereiche, die noch immer verschorft sind. Zur Zeit wachsen direkt auf der Narbe noch keine Haare, aber das wird schon noch. Bei meiner Platzwunde hat es auch eine ganze Weile gedauert!
Ich bin erstaunt, wie schnell ich wieder auf die Beine gekommen bin. Schwindelprobleme habe ich überhaupt nicht mehr und vertraue meinem Körper im Allgemeinen wieder. Mein Alltagsleben habe ich auch wieder aufgenommen, allerdings bin ich noch immer krank geschrieben und werde es wohl nicht schaffen, noch einen Job zu finden, bevor ich wieder fahre.

Vorletzten Freitag habe ich nämlich meinen Rückflug nach Neuseeland gebucht! :)

Am 1. März werde ich nach Seoul fliegen, um dort meinen Freund für eine Woche zu besuchen. Am 9. geht es dann ohne Zwischenstopp nach Auckland, wo ich hoffentlich planmäßig am 10. März eintreffen werde.

Soweit hier in Deutschland nichts Weltbewegendes mehr passieren sollte, liest man sich dort wieder. ^^

Bis dann
Kiri

Mittwoch, 9. Januar 2013

Monatsrückblick September - Dezember 2012

ups... gerade habe ich gesehen, dass ich schon seit der Sache in Argentinien nichts mehr geschrieben habe.
Nicht einmal aus Neuseeland (ja, ich habe es tatsächlich noch dorthin geschafft!)

Meine Familie und engsten Freunde wissen natürlich warum, aber ein kurzer Rückblick erscheint mir nun doch angebracht, jetzt wo sich die Wogen geglättet haben.
Tatsächlich habe ich noch nicht einmal mein altmodisches Tagebuch weitergeführt - hoffentlich bringe ich alles zusammen.

Nach meinem Zusammenbruch am Flughafen verbrachte ich das Wochenende in Buenos Aires, weil der nächste Flug nach Neuseeland erst wieder am Montag abheben würde. Die nette Stewardess, die mich auch schon im Krankenzimmer betreut hatte, versicherte mir, es gäbe keine Probleme einen Ersatzflug zu bekommen.
Denkste.
Das erste was ich am Montagmorgen hörte nachdem der Schalter endlich öffnete, war ein "Nein" mit mindestens zehn Ausrufezeichen. Jedenfalls kam es mir so vor. Zuvor hatte ich mir wirklich keine Sorgen darum gemacht - ja, nicht einmal die Organisation kontaktiert, über die ich das around-the-world-ticket gebucht hatte. Ob es Naivität war oder einfach Ausblendung, kann ich nicht sagen. Vermutlich beides. Ich weiß nur noch, dass ich keine Lust hatte darüber nachzudenken und mir die Konsequenzen gleichgültig waren. Ich betete nur darum, dass ich das Glück hätte, wieder von dem netten Mann eingecheckt zu werden, der mir schon am Freitag mit dem Transitvisum geholfen hatte. Das bereitete mir ehrliches Kopfzerbrechen.


Doch zunächst musste ich überhaupt an einen neuen Flug kommen. Damit, dass er mir verweigert werden würde, hatte ich nicht gerechnet. Bei solchen Komplikationen werde ich schnell etwas Schwarzmalerisch und sehe, wie sich unsichtbare Türen mit einem hallenden Knall schließen. Schauspielkunst würde ich es jedenfalls nicht nennen, wenn aus mir auf einmal die Hilflose wird und sich Tränen in meine Augen schleichen. Ich bin nunmal sensibel.
Aber es hat auch Vorteile. Denn meistens haben die Leute dann Mitleid und bemühen sich zumindest ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. (Berechtigtes Mitleid, will ich hier noch einmal anfügen, denn diese Situationen machen mich tatsächlich fertig)
Also beschrieb ich der Dame am Schalter die nette Stewardess. Groß, hübsch, blonder Pferdeschwanz... und tatsächlich wusste sie, wen ich meinte. Ich musste nur ein wenig warten, bis ihre Schicht begann. Eine halbe Stunde verging unter Bangen und Hoffen meinerseits. Aber als sie dann tatsächlich kam, ging alles relativ schnell. Ich bekam meinen ersehnten Flug und konnte einchecken. Da mein Aufenthalt in Australien diesmal allerdings nur auf zwei Stunden begrenzt war, weil ich nicht über die Gold Coast zu fliegen brauchte, bekam ich auch kein Transitvisa. Obwohl ich fürs Bauchgefühl gern eins gehabt hätte.



Der Rest ist in meiner Erinnerung ein wenig verschwommen, weil ich Unangenehmes gern schnell vergesse. Beziehungsweise entscheidet mein Gehirn für mich, dass es das nicht abspeichern will. Jedenfalls folgten nach einem wunderschönen Flug über die schneebedeckten Anden und das Meer einige grauenvollen Stunden in Australien.
Anscheinend hatte man mein Ticket von Argentinien aus etwas schlampig gebucht und auch nicht bestätigen lassen. Ich war nicht auf der Passagierliste für den Weiterflug nach Neuseeland und musste in Sydney wohl oder übel auschecken. Auch mein Gepäck wurde dort ausgeworfen und es kostete mich allein eine Stunde diesen Prozess zu durchlaufen und meinen Rucksack zu finden. Und das ohne Transitvisa. Von da an schleppte ich mich wie ein Bettler von Schalter zu Schalter und wurde jedesmal woanders hingeschickt. Bis mir schließlich eine Telefonnummer ausgehändigt wurde und es hieß, ich müsse die Airline direkt kontaktieren.
Also tauschte ich meine letzten Geldbestände aus Chile gegen Australische Münzen und versuchte mit meinem schlechten Spanisch irgendjemand telefonisch zu erreichen, der mir weiterhelfen konnte. Nur um gesagt zu bekommen, ich müsse das am Flughafenschalter tun. Und wieder irrte ich umher - inzwischen aufgrund der Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit wieder den Tränen nahe.
Bis das Häuflein Elend in aller Verzweiflung ein zweites Mal zum Schalter der Argentinischen Airline kroch, mit der ich gekommen war. Und dort erbarmte sich endlich eine gutherzige Stewardess meiner und tätigte den lästigen Anruf nach Buenos Aires, erfuhr von der Fehlbuchung und korrigierte sie auf der Stelle... Und schon befand ich mich, noch immer ungläubig und kuhäugig, auf dem Weg zum Gate. So schnell kann aus Hölle Himmel werden. Ich bin immer wieder erstaunt wie schmal der Grat teilweise ist.

In Auckland kam ich irgendwann nach Mitternacht des 5. Septembers an. In ziemlich zerschlagenem seelischen Zustand, wie man sich denken kann. Also gönnte ich mir einen Shuttlebus und lies mich zu dem nächstbesten Backpacker-Hotel kutschieren. Es war natürlich absolut überteuert, aber das war mir in dem Moment wirklich egal. Also buchte ich für eine Woche ein Bett in einem 8-Personen-Raum. Gemischt. Mit Fenster. (Ja, es gab tatsächlich auch Zimmer ohne Fenster, die waren billiger, aber ich war noch geistesgegenwärtig genug, um mir die Uhrzeit - oder besser Unzeit - zu vergegenwärtigen und zu bedenken, dass alle anderen in meinem Zimmer schon lange schlafen würden. Bei einem Zimmer ohne Fenster würde ich Licht machen müssen, um das Bett zu finden und ich bin eine rücksichtsvolle Reisende.) Ich fand ein freies Bett, machte mir weder die Mühe es zu beziehen, noch Zähne zu putzen oder mich zu waschen, ließ mich einfach in die herrliche Weichheit plumpsen und schlief sofort ein.

Die folgenden Tage verbrachte ich äußerst effektiv. Ich besorgte mir eine Handykarte, ein Konto und sah mich nach einer billigeren Bleibe um, was sich als recht schwierig herausstellte. Freies Internet gab es glücklicherweise in der Bücherei ein paar Straßen weiter. Dort hielt ich mich die meiste Zeit auf. Ich brauchte so schnell wie möglich einen Job und durchforstete die schwarzen Bretter im Internet. Auch das war schwieriger als gedacht. Ich war der Meinung, da Neuseeland ein wahres Backpackerparadies ist, würden einem die Jobs nur so nachgeschmissen werden. Falsch. Da es ein Backpackerparadies ist, ist es leider voll von Backpackern, die alle Arbeit suchen.
Immerhin fand ich nach etwa einer Woche ein sehr günstiges Gasthaus, dessen Namen ich hier nicht erwähnen will, weil es "unter der Hand" läuft. Dort traf ich David, den Vermieter. Eine Seele von Mensch. Und obwohl er an Multiple Sklerose leidet und mit knapp fünfzig kaum noch gehen kann, war er stets freundlich und zuvorkommend.
Einige Tage und viele nette Bekanntschaften später hatte ich auch mit dem Job Erfolg und fand Arbeit auf einer Kuhfarm in der Nähe von Christchurch (auf der Südinsel). Ich würde dort sogar Motorrad fahren lernen, weil man das zur Überbrückung der großen Entfernungen von Weide zu Weide braucht. Ich war so aufgeregt. Jetzt konnte ich endlich auch meine IRD (die Steuernummer) beantragen.

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Es ist der 12. September. Und es soll alles anders kommen als geplant.

Eine der vier Chinesinnen, mit denen ich mir das Zimmer teile, hat die gleiche Intension wie ich und so machen wir uns gemeinsam auf den Weg zur nächsten Post.
Wir stehen in der Schlange als es passiert. Ich selbst bekomme nichts mit. In einem Moment stehe ich noch dort und sehe meiner Freundin über die Schulter, als sie das Formular ausfüllt, im nächsten liege ich auf dem Boden, zugedeckt mit einer karierten Wolldecke. Verwirrt setze ich mich auf und betrachte die Decke. Eine Frau kommt auf mich zu. Dann nichts mehr.

Das nächste woran ich mich zu erinnern meine, ist Bewegung. Ich liege in einem Wagen und bekomme am Rande mit, dass wir wohl vor dem Gasthaus halten und meinen Rucksack einladen. Verwunderung. Dann wieder ein Schnitt.
Eine heller Raum, eine Liege. Krankenhausgeruch. Ich schlage die Augen auf und sehe die kleine Chinesin. Sie sitzt auf einem Stuhl mir gegenüber und sieht verstört aus. Ich setze mich auf, diesmal bleibe ich in der Gegenwart. Ich erfahre was passiert ist. Eine Reihe von epileptischen Anfällen hat mich überrollt. Was der Grund ist, weiß keiner. Sie vermuten Stress und Schlafmangel. In einer Post? Nach über einer Woche Quasi-Urlaub? Na, da bin ich aber Schlimmeres gewohnt.
Der Arzt kommt ins Zimmer und drückt mir die Preisliste des Krankenhauses in die Hand. Ich lese die oberste Zeile mit dem geringsten Betrag. "Clinical Assessment - Treatment under 3 hours: 409,40 NZ$". Ich weiß das so genau, weil ich die Liste noch besitze.
Mein einziger Gedanke ist, das ich mir das gerade noch leisten könnte und bitte den Arzt, der schon im Begriff ist zu gehen, doch zu versuchen, die Behandlung unter 3 Stunden zu halten. Er verspricht es und geht.

Dann schicke ich die arme Chinesin nach Hause. Ich habe leider ihren Namen vergessen. Wie so vieles, was in der Zeit passiert ist. Es ist wie ausradiert. Hinzu kommt, dass ich noch nie gut im Merken von Namen war. Sie geht - dann wieder nichts.

Wieder wache ich auf. Das Einzige woran ich mich immer ganz klar erinnere ist das Aufwachen.
Ich liege in einem freundlichem Krankenhauszimmer in einem Bett mit türkiser Bettwäsche. Sehr hübsch - ein bisschen wie in "Scrubs - die Anfänger", dieser Fernsehserie. Meine Haare sind hochgebunden und mein Kopf mit etwas Weichem bedeckt. Bei genauerem Erfühlen bemerke ich, dass es wohl mal ein Verband war, nun aber seine ursprüngliche Funktion nicht mehr zuverlässig erfüllt, sondern wie ein Häubchen auf meinem Haar sitzt. Ich sehe sicher albern aus, lasse den Bandagenhaufen aber dort, wo er ist. Die Kopfhaut pulsiert und mein Kopfkissen hat einen großen, dunklen Fleck. So langsam ahne ich, was passiert ist.
Eine Schwester kommt und bestätigt meine Befürchtungen. Ich hatte einen vierten Anfall und bin von der Liege auf den Boden gefallen. Die Folge: Eine großflächige Platzwunde.
Immerhin werde ich noch von dem Bandagenhäubchen befreit, bevor sie wieder geht. Ich fühle die Wunde. Sie wird mit ca. 10 Tackernadeln zusammengehalten. Gott sei dank war ich bewusstlos, als das gemacht wurde.
Irgendwann zwischen Wachen und Dämmern werde ich in einen Rollstuhl gesetzt und zum MRT-Raum gebracht, wo in der Röhre Aufnahmen von meinem Gehirn gemacht werden. Zurück in meinem Zimmer dämmere ich weiter vor mich hin. Ein angenehmer Zustand. Ich könnte ewig hier liegen.

Nachts werde ich dann von zwei Ärzten geweckt. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Die Ärzte sagen etwas von einem Gehirntumor und dass ich auf die Operationsliste gesetzt werde. Ich höre mit halbem Ohr zu, aber mein Körper schreit noch immer nach Schlaf. Der Tumor kann auch noch warten, jetzt wo er schonmal da ist.
Es ist nicht so, dass ich besonders abgebrüht wäre oder so, aber es hat mich in dem Moment einfach nicht interessiert.

Als ich wieder aufwache weiß ich, dass der 13. September ist. Warum? Keine Ahnung. Und obwohl ich es sonst nicht so mit Geburtstagen habe, weiß ich genau, dass mein Freund heute 31 wird. Ich muss ihm gratulieren. Ich brauche Internet. Und, ach ja, die Reisekrankenversicherung sollte ich vielleicht auch so langsam mal informieren... 
Ein netter Pfleger fährt mich in einem Rollstuhl zu einem Kiosk, wo zwischen den Regalen ein Computer steht. Der Pfleger blättert in einer Zeitschrift, während ich meinem Freund und meiner Familie schreibe. Oder haben ich meinen Vater angerufen? Ich weiß es nicht mehr.
Dann fülle ich das Formular für die Versicherung aus. Eine Schwester scannt es für mich und verschickt es per Mail. Wie gut, dass sie meinen Rucksack mitgenommen haben, sonst hätte ich meine ganzen Papiere nicht zur Hand gehabt.

Ich bekomme auch meine Sachen zurück, die ich am Tag der Einlieferung getragen habe. Ein blutdurchtränktes Kleidebündel. Mein T-Shirt und die Unterwäsche sind zerschnitten und fliegen gleich in den Müll.
Zum ersten Mal gehe ich ins Bad und sehe in den Spiegel. Meine dunkelblonden Haare haben die Farbe von Tomatensoße. Sehr hübsch. Die Schwester fragt, ob ich sie waschen will... blöde Frage.

Die Versicherung kontaktiert mich. Sie wollen mich zurück nach Deutschland transportieren, damit ich die OP dort in meinem "sozialen Umfeld" machen lassen kann, wie sie es nennen. Mir ist es eigentlich egal, wo es gemacht wird, aber meiner Familie bestimmt nicht. Daher stimme ich dem Krankenrücktransport zu. Wird ja hoffentlich nicht allzu lange dauern, bis ich wieder zurückkommen kann... Wenn ich gewusst hätte.

Am 14.09. werde ich entlassen. "Auf die Straße gesetzt" trifft es aber eher. Ehe ich mich versehe, stehe ich vor den Toren und suche nach einem Taxi, das mich zum Gasthaus zurückfährt.

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Die letzten Tage vor meinem Rückflug am 24. vergingen zum Teil schleppend und gleichzeitig wie im Flug. Ich habe Antiepileptika verschrieben bekommen und versuchte noch ein paar letzte Ausflüge zu machen. In meiner Herberge lernte ich Lone und Peter kennen - zwei irre liebe Menschen, die sich sehr um mich kümmerten und ablenkten. Mit ihnen machte ich bereits einen Tag nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen wunderschönen Tagestrip bei großartigem Wetter nach Weiheke Island nur um zu spüren, dass ich doch noch sehr schwach war. Bei den kleinsten Hügeln gerate ich außer Atem und muss mich ein paar Minuten setzen, während die beiden im Umkreis herumstreunen und Fotos schießen.
Nachdem ich wieder Vertrauen in meinen Körper habe, wage ich auch Alleingänge. Einmal nach Tiritiri Island (ein Vogelschutzreservat) und - mein langgehegter Traum - eine whale watching tour. Statistiken versprachen die Chance von 90% bei Delfinen und 70% bei Walen. Ich sah beides. Zwei Delfinschwärme und sechs Wale beim Jagen. Dazwischen ein Haufen Seevögel. Toll!


Es gab auch Enttäuschungen. Zum Beispiel den Anruf bei der Botschaft mit der Bitte um Verlängerung meines Visas. Die Dame am anderen Ende der Leitung sagte nur kaltherzig, das nichts zu machen wäre. In dem Moment war ich ziemlich am Boden zerstört. Die schönsten Sommermonate würden mir durch die Lappen gehen. Die besten Chancen auf Arbeit...
Ja die Arbeit - das war der zweite Punkt, der meine Stimmung trübte. Den hart erkämpften Job auf der Kuhfarm musste ich leider auch absagen.

Am 22.09. kam der Arzt in Auckland an, der mich nach Deutschland zurückbegleiten würde. Und zwei Tage später waren wir schon fort.
Ich muss sagen. Allzu schlimm war es nicht. Klar schmerzte der unerwartete Abbruch meiner Reise, aber wir flogen in der Business Class und das machte es erträglicher. Gut war auch, dass mein Arzt bereits Erfahrung in dieser Art zu reisen hatte und mir alles zeigte, was es zu genießen gab. So konnte ich den Luxus voll auskosten!

In Deutschland angekommen, verbrachte ich nochmal ein paar Tage im Krankenhaus, aber dort wurde mir nur gesagt, es sei kein bösartiger Tumor und ich könne eigentlich gleich wieder nach Neuseeland zurück. Will man sowas hören? Ich entschied mich also dafür, weitere Meinungen einzuholen und heute, drei Monate später sitze ich noch immer in Stuttgart. Zwischenzeitlich habe ich auch wieder gearbeitet und mir das Geld für den Rückflug verdient. Und jetzt ist auch klar, dass ich doch am Besten fahre, wenn ich den Tumor entfernen lasse, weil ich sonst zeitlebens Antieplieptika nehmen und halbjährlich zum Kontroll-MRT erscheinen muss. Nee danke!
Morgen findet endlich meine Operation statt und die Ärzte meinen, dass ich nach etwa vier bis sechs Wochen wieder reisefähig sein werde, wenn alles gut geht.

Und heute meldete sich auch noch meine Reiseversicherung mit der guten Nachricht, mein Vertrag sei noch aktiv, weil ich vergessen hatte ihn zu kündigen - bis zum 01.10.2014! :)
Eigentlich steht mir nun nichts mehr im Wege. Sobald die OP vorbei und positiv verlaufen ist, buche ich meinen Rückflug über Korea nach Neuseeland.

Bis die Tage ^^
Kiri