Montag, 27. August 2012

Zanja Arajuna - zwei Wochen Regenwald


Nach einer weiteren Nacht in Quito, die ich zu meinem grossen Glueck bei meiner lieben Projektmanagerin Elli und ihrer Familie verbringen durfte, nahm ich gleich am naechsten Morgen den Bus nach Riobamba – dem Sitz der Organisation (Eco Volunteers) meines naechsten Projektes: 14 Tage Tierauffangstation im Regenwald in der Naehe von Puyo.
Ueber die Organisation selbst wuerde ich am liebsten den Mantel des Schweigens breiten, da ich nicht gerne laestere, es waere aber schade zu verschweigen, auf welche Weise man sein Geld zum Fester hinauswerfen kann. Meine Instruktionen lauteten, vom Busbahnhof aus das Buero aufzusuchen, in dem ich eine Mitarbeiterin antreffen wuerde, die mich zum Gasthaus der Organisation begleiten sollte, in dem ich die Nacht zum Montag verbringen konnte. Die Wegbeschreibung war recht vage und kombiniert mit meinem miesen Orientierungssinn passierte, was passieren musste: Ich verirrte mich komplett. Zwar kam ich auf meiner Odysee an einem kleinen Geschaeft vorbei, dessen Schild „Eco Volunteers" verkuendete, jedoch war es ohne Zweifel geschlossen, weil ein grosser Rolladen die gesamte Vorderfront verdeckte. Also nahm ich ein Taxi und lies mich zur genannten Adresse fahren.
Ironischerweise setzte es mich genau dort ab, wo ich zuvor gezweifelt hatte: dem kleinen geschlossenen Geschaeft. Ich rief also bei der Managerin an und erzaehlte von dem Irrtum. „Oh, das habe ich wohl vergessen Ihnen zu schreiben", meinte sie daraufhin nur und fing an mir die Adresse des Gasthauses zu diktieren, zu dem ich mich stattdessen fahren lassen solle. Ich hasse das Englische Alphabeth! Ich kann mir nie den Unterschied zwischen der Betonung von A, E und I sowie U und V merken und kam heftig in Verlegenheit. Noch dazu stand ich an einer viel befahrenen Strasse und verstand die gute Frau akustisch nur sporadisch. Irgendwann hatte ich jedoch die Information einigermassen zu Papier gebracht (bis auf die Hausnummer, von der mir versichert wurde, ich braeuchte sie nicht, weil ich an der Strasse abgeholt wuerde) und fand nach einiger Zeit sogar ein freies Taxi. Dort gab es das naechste Problem: Die genannte Adresse existierte zweimal – einmal im Norden und einmal im Sueden. Bisher schien wohl niemand ein Problem damit gehabt zu haben, sonst haette man das am Rande ja hinzufuegen koennen. Mir blieb also nichts anderes uebrig, als die Dame ein weiteres Mal zu kontaktieren. Ich gab ihr lieber gleich den Taxifahrer, um weitere Missverstaendnisse oder Uebertragungsfehler durch meine Person auszuschliessen. Ich wurde also zur genannten Strasse gebracht und abgesetzt. Weit und breit natuerlich niemand, der mich abholen kam. Ich wartete etwa 15 Minuten und rief dann den Leiter direkt an, der mich hier in Empfang haette nehmen sollen. Ich haette noch lange warten koennen, denn er beschwerte sich bei mir, ich haette ihn geweckt und warum zum Teufel ich nicht direkt zum Haus gekommen waere. Ich versuchte es ihm hoeflich zu erklaeren, doch er war sehr ungeduldig und sagte nur, ich solle zu der Ecke kommen, wo sich zwei bestimmte Strassen kreuzten. Nur doof, dass nirgendwo Strassennamen angebracht waren! Ich lief also ein bisschen die Strasse entlang, sah aber nichts. Da rief mich der Leiter wieder an und fragte wo zur Hoelle ich bliebe. Ich solle mich gefaelligst umdrehen und die Strasse runterlaufen. „In welche Richtung hinunter?", wagte ich zu fragen, beschrieb ihm einige Anhaltspunkte und bekam prompt die erwartete uebelgelaunte Antwort: „Umdrehen, du sollst dich umdrehen!" Ich drehte mich um meine eigene Achse und spaehte in alle Himmelsrichtungen und dann, ein paar Meter entfernt schien ein Mann an der Mauer zu lehnen und mir zuzuwinken. Da dies die einzige Moeglichkeit war, die ich momentan hatte, ging ich auf ihn zu und tatsaechlich, er war es. Mit einer baerbeissigen Mine begruesste er mich knapp und dass er nicht fragte, aus welcher Anstalt ich entlaufen war, war noch das freundlichste was ich zu hoeren bekam. Ich fragte ihn, warum niemand im Buero gewesen sei, wo ich doch gestern erst gefragt hatte, wohin ich kommen solle.
„Weißt du, an Sonntagen arbeiten wir in der Regel nicht so gern", erklaerte er mir mit Sendung-mit-der Maus-Stimme.
„Aha, und warum hat man mir dann nicht gleich die Adresse des Gasthauses gegeben?"
„Dafuer bin ich nicht zustaendig." War die knappe Antwort.
Ich fragte mich wofuer er ueberhaupt zustaendig war…
Immerhin zeigte er mir einen kleinen Eck-Kiosk in dem ich Essen kaufen konnte und wo ich die Haustuerschluessel finden konnten. Dann wies er mich in mein Zimmer und sagte: „Bis morgen, ich gehe schlafen." Ich linste auf meine Armbanduhr; es war gerade mal zwei Uhr Nachmittags. Ich wurde also mir selbst ueberlassen und verbrachte den Tag Chips essend und im Internet surfend (etwas anderes Essbares gab es in dem Kiosk nicht wirklich, jedenfalls nichts, was keiner Zubereitung bedurft haette, denn die Kueche war durch ein Babygitter abgetrennt und wurde von zwei rattengrossen Hunden bewacht, die mich nicht zu moegen schienen und jedes Mal, wenn ich vorbeizugehen wagte, ein Klaeffkonzert veranstalteten, was meinen armen Leiter bestimmt nicht gut schlafen liess. Daher ging ich ein bisschen oefter als notwendig dort vorbei...


Das Gasthaus war uebrigens vielmehr das Privathaus des Leiters und dessen hochschwangerer Frau. Ueberall standen die scheusslichsten Staubfaenger in einer Fuelle auf Kommoden und Tischen, die in normalen oeffentlichen Schlafplaetzen (gluecklicherweise) nur geizig platziert werden.
Irgendwann wurde es Abend und Hester, eine andere Voluntaerin wurde, auf aehnliche Weise abgefertigt, zu mir ins Zimmer gesteckt. Nun konnten wir den Aufenthalt zumindest in voller Ironie geniessen. Sie stammte aus England und hatte einen koestlichen Humor, der sehr gut mit meinen harmonierte.

Der naechste Morgen verlief aehnlich irritierend. Wir wurden gebeten um acht Uhr aufzustehen. Also machten wir uns fertig und gingen in den Wohnraum hinunter, wo beide schon damit beschaeftigt waren, Schlafsaecke, Zelte und andere Campingausruestung zusammenzustellen. Wir sahen uns an. Wir schauten auf die Ausruestung. Wir sahen uns wieder an und konnten einen Ausdruck des Terrors nicht von unseren Gesichtern loeschen.
Sollten wir etwa zwei Wochen im Regenwald zelten? Und der viele Regen? Und die ganzen Insekten? Und die (vielleicht) dort lebenden Raubtiere?
Ich habe ja nichts gegen das Zelten. Ich liebe es sogar. Die Unannehmlichkeiten machen mir normalerweise nichts aus, aber nun mal nicht in jeder Gegend! Ausserdem war uns in der kaerglichen Beschreibung etwas ganz anderes versprochen worden… Wir versuchten also mit unserem Schicksal fertig zu werden, wuenschten einen guten Morgen und fragten, ob wir helfen koennten. „Na, eure Rucksaecke holen", war unser Morgengruss, der uns zurueck in unser Zimmer trieb. Wir halfen, auch die restliche Ausruestung ins Auto zu laden und fuhren dann gemeinsam zum uns schon bekannten Buero. Hester hatte zum Glueck die gleiche Geschichte mit der falschen Adresse durchgemacht, so dass ich mich nicht mehr allzu doof fuehlte. Jedoch noch immer doof genug, dafuer sorgte ja staendig unser liebenswerter Leiter.
Im Buero angekommen trafen wir auf die Managerin, die ich ja schon aus den Mails und Telefongespraechen kannte. Und mit einem Mal war der Leiter wie ausgewechselt: Unsagbar hoeflich und freundlich und er laechelte uns sogar an. Wir verstanden die Welt nicht mehr.
Nach ein paar weiteren Instruktionen bezueglich dem Aufenthalt dort, der Verpflegung die wir selbst zu besorgen und zuzubereiten haetten und dem Ausfuellen des Formulars, dass falls wir stuerben, das nur unsere Schuld sei, wurden noch die 200,- Dollar Gebuehr fuer zwei Wochen gefordert (von denen nur 60,- Dollar das tatsaechliche Projekt erreichen) und wir zum Busbahnhof gebracht.
Endlich verliessen wir Riobamba, die furchtbare Organisation und wuerden hoffentlich in Puyo eine etwas freundlichere Umgebung antreffen. Dort wuerden wir abgeholt, wurde uns mal wieder versichert, was wir diesmal aber nicht unter Vorbehalt glauben wollten.
Doch diesmal stimmte es tatsaechlich. Dank eines unglaublichen Aufwandes des Bueros (der die 140,- Dollar einbehaltener Gebuehr wahrlich rechtfertigte) war es ihnen wohl gelungen, einen Telefonhoerer in die Hand zu nehmen, in Puyo anzurufen und Balu abzukommandieren, uns am Nachmittag am Busbahnhof zu erwarten. Die Leute in Puyo schienen auf alle Faelle schon einmal zuverlaessiger zu sein, was ich sehr beruhigend fand.
Balu ist der Ehemann von Luciero, der Leiterin vor Ort und Vater des gemeinsamen Sohnes David. Diese kleine Familie lebt in der Abgeschiedenheit des Regenwaldes und versorgt die dort gehaltenen Tiere, die entweder nicht mehr alleine in freier Wildbahn ueberleben koennten, oder in die Hoffnungen zwecks Zuechtung und Auswilderung gesetzt werden.


Bevor wir jedoch dorthin chauffiert wurden, setzte uns Balu noch kurz beim Supermarkt ab, wo wir uns mit Lebensmitteln fuer die kommenden Wochen eindecken konnten. Unsere Einkaeufe bestanden hauptsaechlich aus Cornflakes, Toast, Pasta und Tomaten. Ich war noch nie eine gute Koechin, warum also jetzt gerade damit anfangen – noch dazu unter erschwerten Bedingungen? Hester ging es uebrigens nicht anders, daher hatten wir auch beschlossen unsere Einkaeufe zusammenzulegen um nicht alles doppelt mitzuschleppen.
Wir luden alle Kisten ins Auto und nach etwas 45 Minuten holperiger Fahrt durch zunaechst noch kleine Wohnsidlungen, dann einzelne Wellblechhuetten und zuletzt Regenwald, erreichten wir ein kleines Holzhaeuschen mit Veranda, das schuechtern zwischen einigen Baeumen hervorlugte und an dem ein Schild den Namen des Projektes „Zanja Arajuno" verkuendete. 



Fuer ein angemessenes Empfangskommitee war ebenfalls gesorgt: Ueber uns turnten mindestens zwanzig kleine Totenkopfaeffchen in den Zweigen herum, kreischten uns ihre unverstaendlichen Willkommensgruesse zu und spaehten abschaetzend auf uns herab. Auf der Veranda erwarteten uns etwas wuerdevoller zwei zahme Papageien, Loca und Abuelo. (Letzteren tauften wir selbst so, weil wir uns den richtigen Namen nicht merken konnten und er wie ein grummeliger alter Grossvater die Aeffchen anfauchte, wenn sie zu frech wurden, aber niemals erste Absichten hegte, sie zu verletzen)
Von diesem ersten, paradiesischem Eindruck voellig hingerissen, betraten wir die Huette und wurden zuletzt noch von sechs maennlichen Exemplaren der Gattung Homo sapiens sapiens voluntarius knapp begruesst; Darunter ein etwa gleichaltriger Junge aus Tschechien und fuenf Schueler aus Quito.

Natuerlich war ich scharf darauf die anderen Tiere zu sehen. Diese Gelegenheit ergab sich bereits wenige Stunden spaeter, nachdem wir unsere Lebensmittel verstaut und unser Zimmer bezogen hatten. Die Tiere werden zwei Mal taeglich gefuettert: Morgens um acht und Mittags um vier. Diese mittaegliche Fuetterung stand nun an. Um den Bewohnern der Gehege einen regelmaessigen Tagesablauf zu verschaffen, verlaufen sie auch immer nach der gleichen Struktur.


Zunaechst werden die Totenkopfaeffchen zufrieden gestellt, da sie uns sonst ueberall hin folgen und den anderen Tieren ihre Mahlzeit streitig machen wuerden. Dazu verschanzen wir uns zunaechst in der kleinen Huette, die als Lagerstatt fuer die Bananen- und Maisvorraete dient. (Praktischerweise leben hier alle Tiere von diesen zwei Nahrungsmitteln - und ich kam mir mit meinen 5 kg Pasta im Schrank nicht mehr ganz so einseitig vor) Dort schaelten wir insgesamt sechs Bananen und stuerzten uns dann nach einem kurzen "fertig?"-Blickkontakt ins Getuemmel. Augenblicklich hatte man das Gefuehl, in einen ausserordentlich starken Platzregen gekommen zu sein, mit dem Unterschied, dass einem keine schweren Wassertropfen, sondern Aeffchen auf Kopf, Schultern und manchmal auch ins Gesicht klatschten. Sie waren derart gierig auf die Bananen, dass sie fast die Finger mitabbissen, wenn man das Obst nicht schnell genug in kleine Stuecke zerbrach und hinhielt. Am forderndsten war "Jeffe" (Chef), der Leitaffe. Groesser und staerker als die anderen, forderte er auch dreimal so viel wie diese. Ich haette nicht geglaubt, dass diese niedlichen Kreaturen zu einem fiesen Gesichtsausdruck faehig waeren. Jeffe meisterte ihn allerdings mit Proffession und sah sein Recht somit auch stets erfuellt, weil er somit ebenfalls im Stande zu sein schien, seine Drohung wahr zu machen und sich zu holen was ihm zustand -  notfalls mit Gewalt!
Einige werden an dieser Stelle lachen. Was koenne einem ein winziges Aeffchen schon antun? Nun, ich machte einmal den Fehler, Jeffe vom Eingang des Futterhauses zu vertreiben und erhielt daraufhin einen gezielt kraeftigen Warnbiss in meine linke Schulter, der erst drei Wochen spaeter verschwunden war.

https://www.facebook.com/photo.php?v=272330812879328 <= das ist ein Video von mir bei der Fütterung, das ich auf Facebook hochgeladen habe. Wer dort mit mir befreundet ist, kann es sich anschauen.
 

Wenn man den Affenschauer ueberlebt hatte, ging es weiter mit den Papageien. Davon gab es neben Loca und Abuelo noch drei weitere gruene Exemplare, sowie Albertito und Patrizio. Albertito war klein, zahm und musste nur deshalb in einem Kaefig sitzen, weil die Aeffchen ihm sonst stark zusetzen wuerden. Er trug noch immer die Spuren vergangener Konfrontationen, als sie sich einen Spass daraus machten, ihm die Federn auszureissen. Albertito hatte die niedliche Eigenschaft zur Begruessung die verbliebenen Schwanzfedern in die Luft zu strecken und zu balzen, sobald man mit ihm sprach. Am liebsten sass er auf den Schultern der Voluntaere und war nur dann in den Kaefig zurueckzubekommen, wenn die Affen mal wieder anrueckten.



 


Von Patrizio, dem alten fluegellahmen Ara dagegen koennte man meinen, er wuesste sich zu wehren, da er von missgelaunter Natur und beinahe zehnmal so gross war wie Albertito. Es ist ein Vogel mit tragischer Vergangenheit: Er und seine Gefaehrtin - damals noch in Freiheit - wurden mit ein paar gut gezielten Schuessen von Jaegern vom Himmel geholt. Die Kugeln durchloecherten Patrizios Brust, seinen Fluegel und toeteten seine Gefaehrtin. Wie durch ein Wunder blieb er jedoch am Leben, auch wenn er seither watschelnd und kletternd statt Fluegel schwingend sein neues Revier behaupten muss. Ferner bedeutet fuer ihn "hola" (zu Deutsch "hallo") dass es etwas zu essen gibt. Wenn er Menschen erspaehte, warf er also erstmal ein fragendes "hola" in den Raum, bevor er sich die Muehe machte und von seinem Baum herunterkletterte. Wurde es mit einem "hola" beantwortet, machte er sich jedoch unverzueglich auf den Abstieg.
Gelegentlich stiftete das natuerlich Verwirrung, wenn zum Beispiel Touristen die Anlage besichtigten und mit ihm redeten, ohne Bananen dabei zu haben.
Doch auch ihm machten die Aeffchen das Papageienleben schwer, sie schienen keinen Respekt vor seinem kraeftigen Schnabel und grantigem Charakter zu haben und stahlen ihm seine Ration regelmaessig direkt aus den Krallen.
(Wiederstrebend liessen sich die kleinen Kerlchen aber manchmal mit Maiskoernern ablenken, auf denen sie dann etwas trotzig herumkauten. Auch wenn sie manchmal biestig erschienen, so war es doch entzueckend, wenn einem eine winzige Affenhand das Korn aus den Fingern klaubte oder sich einem duerre Aermchen flehend nach mehr entgegenstreckten.)



Nach den Papageien waren die Icuantusse an der Reihe. (Fragt mich bitte nicht, was die deutsche Bezeichnung ist. Ich bin mir nichtmal sicher, ob die Spanische Schreibweise richtig ist. Wenn ihr dieses Tier also nicht bei Google findet, ist das meine Schuld.) Man bekommt aber ein recht gutes Bild, wenn man sich eine Mischung aus Biber und Ratte vorstellt und den Schwanz (gleich welchen) wegdenkt. Ehrlich gesagt, fand ich sie im Vergleich zu den anderen Tieren etwas langweilig, was wohl auch meine mangelden Bemuehungen bezueglich genauerer Recherchen ueber deren korrekten Namen erklaert. Die meiste Zeit verkrochen sie sich in ihren Roehren oder Hoehlen. Zur Verteidigung des Icuantus sollte ich jedoch auch hinzufuegen, dass es in ihrem Kaefig reichlich wenig andere Moeglichkeiten gab, sich die Stunden bis zur naechsten Mahlzeit totzuschlagen... (Ich konnte dasselbe zuhause an unseren Meerschweinchen beobachten. Oder eben nicht beobachten, da es nichts zu sehen gab, falls man ihnen vorher nichts Interessantes zu Fressen hineingeworfen hatte, um das sie sich dann haetten streiten koennen.)
Wenn die Icuantusse sich mit ihrer Beute zurueck in die Sicherheit ihres Unterschlupfs begeben hatten, ging es - nach einem kurzen Halt bei Abuelo (der ebenfalls nicht fliegen konnte, da er von seinem Vorbesitzer in einem Kaefig gehalten wurde, der nur wenig groesser war als das arme Tier selbst) ging es im zweiten Bereich der Tierauffangstation weiter. Der erste lag direkt an der unbefestigten Strasse, um unsere Huette herum. Der andere befand sich auf der anderen Strassenseite. Kleine Pfade fuehrten durch den dichten Wald einen Hang hinauf, wo eine weitere Huette mit Betten fuer Voluntaere stand und ebenfalls umgeben von Kaefigen und Gehegen. Davon befanden sich zwei grosse noch im Bau.
In einen dieser grossen Kaefige soll spaeter mal Anastasia, eine Art Marder oder Iltis umgesiedelt werden. Sie war eine unserer naechsten Kundinnen, doch bevor wir oben ankamen, mussten wir durch den Waldabschnitt, in dem die Chirongos lebten...


Das waren recht grosse Affen, bereits auf dem guten Wege der vollstaendigen Auswilderung. Auf ihre taegliche Banane konnten sie jedoch noch nicht verzichten. Bei ihnen musste man sehr auf der Hut sein, denn das Leittier "Simon" war erst zum zweiten Mal Vater und sehr darauf bedacht, seine Jungen zu schuetzen. Luciero hatte er einmal ins Auge gebissen, als eins seiner Kinder anfing zu schreien, weil eine Voluntaerin ihm zu nahe gekommen war. Die Narbe hat sie noch heute.
Seit wir diese Geschichte erzaehlt bekamen, empfanden wir gesunden Respekt und versuchten ihnen, wenn moeglich, aus dem Wege zu gehen, was uns leider nicht immer gelang. Wir hatten mehrere hautnahe Erfahrungen mit Simon und seiner Familie, auf die wir lieber verzichtet haetten. Einmal kam er uns aufrecht gehend entgegen und liess uns komplett den Eimer mit den Bananen auf dem Weg vergessen, aus dem er sich dann selbst bediente, waehrend wir uns hinter einigen Bueschen verschanzten. Auf zwei Beinen ging er uns locker bis zum Bauch und mit all den Muskeln und seinem kraeftigen Gebiss wollten wir lieber keine Bekanntschaft machen.
Der Weg zum zweiten Haus war also immer mit einigen Adrenalinschueben verbunden, sobald wir die Chirongos ueber uns durch die Baeume brechen hoerten.
Endlich oben angekommen, warteten nur noch ein Wildschwein, eine mir unbekannte Art Grossnager namens Amelia und Anastasia auf ihr Futter. Ausserdem gab es noch einige Schildkroeten und zwei Kaimane in einem kleinen umzaeunten See, die aber nur einmal in der Woche Bananenabfaelle bekamen.




Morgens wurden ausserdem noch die Kaefige gereinigt. Bei den "unteren" Tieren kein Problem! Aber Anastasia musste dazu jedes Mal in eine kleinere Box umgesiedelt werden. Fuer gewoehnlich half uns Luciero dabei, die sie von klein auf kannte, aber nach einer Woche feuhlte ich mich so weit, es auch einmal zu versuchen. Immerhin wollten wir ihr Arbeit abnehmen, so dass sie die Zeit anderweitig nutzen konnte.
Um Anastasia einzufangen, packt man sie wie ein Kaninchen hinter den Ohren. Was ich aber nicht wusste war, dass man sie dabei wie ein Loewenjunges baumeln lassen muss und nicht mit der anderen Hand helfen darf ihr Gewicht zu tragen. Sonst passiert naemlich, was mir passierte:
Beim ersten Mal, vielleicht wegen Lucieros beruhigender Gegenwart, hatte ich Glueck und alles ging gut, aber als ich den Marder spaeter zuruecksetzen wollte, schaffte er es irgendwie, sich um meinen rechten Unterarm zu winden, sich festzukrallen und mir kraeftig in den Zeigefinger zu beissen. Fuer einige schreckliche Sekunden sah ich meine Fingerkuppe schon in ihrem Magen enden, denn diese Biester haben wahrhaft spitze Zaehne und erstaunlich kraeftige Kiefer! Erst vor ein paar Tagen hatten wir ihr einen lebendigen Fisch in einer Plastikflasche serviert, um ihr das Jagen wieder anzutrainieren, was sie zweifellos in diesem Moment auch an mir erfolgreich praktizierte. Mit einem gezielten Biss begleitet von einem scheusslichen Krachen und Knirschen hatte sie den Fisch ohne Weiteres halbiert. Ein Schicksal, dass mein Finger - wenn moeglich, nicht unbedingt teilen sollte! Sie hatte gerade hinter meinem Nagel eine vielversprechende Stelle gefunden, als ich es gluecklicherweise schaffte, sie mit der Gewalt der Panik davon abzuziehen, wobei ich zwar einige Haut einbuesste, aber den Finger behielt, der mir doch recht ans Herz gewachsen war.


Waehrend ich noch meine linke Hand inspizierte und bis auf ein Dutzend langer Kratzer und der Bisswunde nichts Ernsthaftes feststellen konnte, vergass ich fuer einen Augenblick, dass sich der Marder noch im Griff meiner rechten Hand wand, es schaffte, sich auch um diesen Arm zu klammern und das Gleiche gerade noch einmal passierte. Diesmal war ich zum Glueck beireits am Kaefig angekommen, schleuderte das bissige Tier ohne grosse Ruecksicht auf eine sanfte Landung in die Gehegemitte und schlug ihr die Tuer vor der Nase zu!
Dann hatte ich endlich genug Ruhe, um mich am Anblick der erhaltenen Wunden zu weiden. Sie bluteten enttaeuschend wenig, dafuer, dass sie brannten wie Teufel und sich mein linker Zeigefingernagel bereits blau zu verfaerben begann. Es war nicht wirklich ein traumatisches Ereignis gewesen, dennoch sah ich dankend von weiteren Versuchen ab.
Ein Gutes hatten meine Kriegsverletzungen immerhin: Sie dienten als abschreckendes Lehrmaterial. Denn zwei Tage spaeter kam eine grosse Gruppe Grundschueler und Luciero veranschaulichte ihnen anhand meiner geschundenen Arme sachlich, zu was ein Marder faehig sei, wenn man nicht vorsichtig war. Trotz den grossen Augen der Kinder kam ich mir dabei allerdings eher vor wie ein Schueler, der im Unterricht nicht richtig aufgepasst hatte und nun an der Tafel gescholten wird.



Ausser der Fuetterung und dem Reinigen der Kaefige hatten wir natuerlich noch andere Moeglichkeiten uns nuetzlich zu machen: Die Instandsetzung der kleinen Pfade, von denen Teile regelmaessig weggeschwemmt wurden, das Bauen und Konstruieren neuer Gehege und Schutzhaeuschen, das Bemalen neuer Holzbretter zur Ausschilderung der Anlage, das Reparieren von Umzaeunungen und das Auffaedeln alter Plastikflaschen auf lange Kabel, die zu den Waenden des Komposthauses umfunktioniert wurden - lassen Gerueche raus aber keine grossen Tiere rein...
Es gab auch einen breiten, langen Fluss, der ganz in unserer Naehe sogar einen steinigen Strand bildete und wo man gut baden konnte. Eine Wohltat in der manchmal drueckenden, feuchten Luft des Regenwaldes.
Am Samstag fuhren wir immer mit dem Bus nach Puyo, um Lebensmittel einzukaufen und im Internet zu surfen.
Die zwei Wochen gingen dank all der Tiere rasend schnell vorbei. An meinem letzten Tag kehrte ich nach Puyo zurueck und nahm von dort aus dem Bus nach Quito. Am naechsten Tag wuerde ich nach Santiago de Chile fliegen und dort mein naechstes Projekt in Angriff nehmen: Drei Wochen Chinchilla-Nationalpark in Illapel. :)




Hasta pronto
Kiri

Samstag, 21. Juli 2012

Byebye Galápagos...


Gestern war mein letzter Tag auf Galálapagos.
Der Abschied fiel natuerlich erwartungsgemaess schwer. Die Leute waren einfach alle so lieb und ich fuehlte mich inzwischen so wohl dort... Auch wenn ich die Moskitos und den Regen nicht vermisse, aber wo ist es schon perfekt? :)
Hier seht ihr mich zum Abschluss nochmal seelig mit einem Seeloewenbaby am Punta Carola - das Kind in mir jubelt!


Heute uebernachte ich noch einmal in Quito und fahre dann morgen frueh weiter nach Puyo - in den Dschungel, wo ich zwei Wochen in einem Tierschutzzentrum arbeite. Bin schon mal gespannt, was fuer Aufgaben mich erwarten. Ich hoffe viele, viele Tiere!

Tschuess Galápagos - danke fuer die schoene Zeit...

hasta pronto
Kiri

los animales



Das Schoenste an den Tieren hier ist, dass sie fast keine Angst haben und der Fluchtinstinkt daher kaum ausgebildet ist. Rueckt man ihnen zu sehr auf die Pelle und bewegt sich viel, hauen sie natuerlich ab, aber an diesen Blaufusstoelpel konnte ich mich bis auf einen Meter anpirschen.
Weibchen bevorzugen uebrigens Maennchen mit besonders blauen Fuessen. Um diese zur Schau zu tragen, stapfen sie damit sehr grazioes auf den Felsen herum, was jedoch eher aussieht, als waere der Stein besonders heiss oder als muessten sie dringend ein Geschaeft erledigen und koennten die Toilette nicht finden.








Die Seeloewen gehoeren neben den Iguanas (Leguanen) zu meinen Favouriten. Anfangs kann man es kaum glauben, dass man sich mit ihnen am selben Strand sonnt, ohne einen Zaun, der sie von den Touristen trennt. Schon nach zwei Wochen gehoerte das allerdings zum Alltag. Eigentlich schade.
Beim Schwimmen kommen sie einem manchmal sehr nahe und stupsen einen hin und wieder sogar an, jedoch sollte das immer vom Seeloewen ausgehen. Sie haben naemlich respekteinfloessende Zaehne. Wenn sie in einem Pulk an den Strand auf einen zukommen ist es auch meisstens der Mensch, der zuerst das Feld raeumt. :)
Es gibt auf der anderen Seite nichts Komischeres, als ihnen bei ihren Gespraechen zuzuhoeren. Die Laute, die sie ausstossen gleichen einer Mischung aus dem Bloeken eines Schafs und dem Husten und Roecheln eines alten Mannes mit Atemwegserkrankung.


Auf Isabella konnte ich diese wilden Flamingos bewundern. Es ist ein meilenweiter Unterschied, sie in der Natur zu sehen, als im Zoo mit gestutzten Fluegeln, wo sie rote Paprika zugefuettert bekommen, um die Federfarbe zu verstaerken. Ich war sehr gluecklich, dass es uns vergoennt war, dieser Gruppe zu begegnen...

Wie war das noch gleich mit dem Spatzen in der Hand? In diesem Fall ist es sogar einer der beruhmten Darwinfinken, der mir die Ehre erweist. :)








Ein bedrohter Landleguan (Iguana) in der Darwinstation auf Santa Cruz. Die, die man zu tausenden am Strand bewundern kann, gehoeren zu einer anderen Rasse, ernaehren sich von Algen, sind schwarz, machen es sich aber ebenso am Strand gemuetlich. Man moechte sich am liebsten dazulegen...

Montag, 2. Juli 2012

Gedenkminute fuer Lonesome George


Am Flughafen nach Galapagos erfuhr ich uebrigens, dass Lonesome George am Tag zuvor gestorben ist... Ich hatte niemals die Moeglichkeit ihn zu sehen...

Aktualisierung, 22.11.2012:
Verwandte von Lonesome George gefunden...
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/verwandte-von-lonesome-george-aufgetaucht-a-868622.html

Freitag, 29. Juni 2012

Galapagos - auf Darwins Spuren

Ich bin jetzt seit knapp einer Woche hier und komplett begeistert.


Wir wohnen und arbeiten auf San Cristobal, der oestlichsten Insel von Galapagos, in der Biologischen Station namens Jatun Sacha. Sie liegt mitten im Regenwald der Insel und ist nur per Taxi in etwa 45 Minuten zu erreichen. Der Unterschied zwischen Inselinnerem und Kueste ist enorm: Am Hafen scheint meistens die Sonne - der hoeher gelegene Wald jedoch ist feucht und voller Muecken. Mindestens drei Mal am Tag gibt es ordentlichen Niederschlag. Und zwar einen von der Sorte, bei der das Wasser von allen Seiten mit einer Wucht kommt, die nichts trocken laesst! Diese Wassermassen locken natuerlich die Moskitos an, die zu einer echten Plage werden koennen, wenn man sich Abends nach einem anstrengenden Tag nur in die Haengematte legen und lesen will... Da hilft das beste Mueckenspray nichts - jeder von uns sieht normalerweise wie Streuselkuchen aus. Das gute an den Stichen ist, dass sie nicht lange jucken und bereits nach einem Tag abheilen. Neue gibt es jedoch immer genug. :) Diese Muecken kamen uebringens erst vor 20 Jahren - wahrscheinlich durch Fruechte nach Galapagos. Und sie ueberlebten auch nur hier auf San Cristobal im Regenwald, weil die anderen Inseln zu trocken sind.
Die Betten sind natuerlich mit Moskitonetzen ausgestattet, die gluecklicherweise sehr gut helfen. Auch gegen groessere Tiere wie fleischige Jagdspinnen und Kakerlaken, mit denen wir unsere Raeumlichkeiten teilen. Abgeschlossene Zimmer gibt es naemlich nicht wirklich. Wir haben zwar vier Waende um drei bis vier Betten herum, oben sind diese jedoch offen und auch Fensterscheiben gibt es nicht, um Luftzirkulation zu erlauben, fuer die ich nachts auch wirklich dankbar bin.
Das, woran ich mich nicht so recht gewoehnen kann, ist die staendige Feuchtigkeit. Nie ist etwas wirklich trocken - alles klamm und leicht salzig. Abends zieht man sich einen feuchten Schlafanzug an, krabbelt in seinen feuchten Schlafsack und bettet sein Haupt auf feuchte Kissen - morgens steigt man mit leicht gebleckten Zaehnen aus seinem feuchten aber warmen Schlafanzug und in die feuchte, kalte Arbeitskleidung... Schimmel ist da natuerlich nicht weit und ich fuehlte nach einer Woche buchstaeblich Pilze auf meiner Haut wachsen.

Die Arbeit bestand bisher vor allem aus dem Zurueckdraengen der Brombeerstraeucher, die hier vor 25 Jahren angepflanzt wurden und sich so schnell ausbreiteten, dass jede Gegenmassnahme zu spaet kam. Inzwischen wuchern sie alles zu und verdraengen die einheimischen Pflanzen. Wie auch die Moskitos, gibt es auch diese Brombeerstraeucher (hier "Mora" genannt) nur auf San Cristobal. Um der Plage Herr zu werden benutzen wir zunaechst Macheten und metzeln damit alles ueberhalb des Erdbodens nieder. Da jedoch die Wurzeln das eigentliche Problem sind, werden sie danach mit einem biologischem Gift komplett eliminiert. Das Gebiet um Jatun Sacha herum ist komplett Mora-frei!
Unsere zweit Aufgabe ist das Befuellen von kleinen Plastiksaeckchen.mit Erde, in die anschliessend kleine Kaffeepflaenzchen gesetzt werden. Ein Fair-Trade-Projekt zur Hilfe der kleinen Kaffeebauern hier auf der Insel um ihnen eine andere attraktive Verdienstmoeglichkeit zu bieten als den Tourismus.

Die Wochenenden verbringen die Voluntaere meistens im Hafen, um dort mit Seeloewen und Meeresschildkroeten zu schnorcheln, Wandertouren zu machen oder von dort aus andere Inseln zu erkunden. Ich werde fuer ein paar Tage nach Santa Cruz und Isabella fahren, in Gesellschaft von Dijego, einem anderen Voluntaer aus Quito.
Heute war ich zum ersten mal Schnorcheln und ich hatte gleich das Glueck auf Seeloewen und Schildkroeten zu stossen, die sich in keiner Weise von mir stoeren liessen. Ein gigantisches Erlebnis. :)


Wir treffen uns leider gleich zum Abendessen, deshalb muss ich hier Schluss machen. Ich melde mich aber bald wieder.

Hasta Proto

Kira


Sonntag, 24. Juni 2012

Cotopaxi - ein kurzes Vergnügen...

Am Wochenende war es endlich soweit und die Cotopaxi-Tour fand statt.
Zu unserer Gruppe gehörten neben den Führern Paoblo und Francisco die drei Kalifornier Magi, John und Alex.

Wir hätten es eigentlich schon wissen müssen, als wir gegen 9:00 Uhr Quito verließen und auf halber Strecke zum Vulkan in einen Regenguss gerieten. Doch noch siegte der Optimismus - immerhin waren es noch über 12 Stunden hin bis zum Aufstieg. In dieser Zeit kann sich das Wetter ja noch dreimal ändern... Ich sollte mich nicht täuschen.

Das Wetter änderte sich beim Vulkan angekommen tatsächlich - es regnete nicht mehr, es schneite. Leider keine weichen Flocken, sondern scharfe, harte Eiskörner, die uns von einem starken Wind ins Gesicht gebliesen wurden.
Wir parkten das Auto auf einem Plateau, das ungefähr auf 4.500 Metern lag. Dort wurden wir von einem Bergfuchs begrüßt, der wohl auf Abfälle aus war. Immerhin etwas. Ich wollte ja eigentlich unbedingt einen Condor oder wenigstens ein Lama sehen, aber der Fuchs war auch eine nette Überraschung.
Der Wind nahm zu und es war nun schwer sich aufrecht zu halten. Trotzdem verloren wir unsere gute Laune nicht und erklommen, wenn auch unter Schwierigkeiten die ersten 200 Höhenmeter bis zur Basisstation, wo wir übernachten würden.




Oben angekommen empfing uns schon Francisco mit heißem Tee, Popcorn und Chips. Gegen sieben würden wir zu Abend essen und dann gleich schlafen gehen. Doch zuvor mussten wir noch üben, unsere Steigeisen anzulegen, damit wir es in der Nacht auf dem Gletscher einfacher hatten.

Leider fühlte sich Alex gar nicht gut. Die Höhenkrankheit hatte ihn erwischt und unser Führer befürchtete zu Recht dass er nicht in der Kondition für dieses Unterfangen war.

Wir versuchten zu schlafen. Einige schafften es tatsächlich - mir war nur schlecht und ich hatte Kopfweh. Aber ich hoffte das Beste für den nächsten Morgen. Allerdings lauschten wir alle dem Wind, der beständig versuchte unsere Hütte vom Berg zu pusten und das klang alles andere als ermunternd. Es war ziemlich kalt, aber dennoch musste ich irgendwann das stille Örtchen aufsuchen. Also schälte ich mich aus meinem kuscheligen Schlafsack und ging in das kleine Nebengebäude. Dazu musste ich einige Meter ungeschützt über den Hof laufen und ich wurde auch gleich von einem ordentlichen Schneesturm begrüßt. Die ganze weitere Nacht bangte ich um eine Verbesserung - aber vergebens...
Dennoch weckte uns Paoblo Punkt 24:00 Uhr. Alex ließen wir schlafen. Frühstück brachte ich nicht herunter, mir war ziemlich übel und mein Kopfweh war auch noch da. Zum Glück bekam ich von einem der anderen Führer eine Tablette und danach war alles gut. Wir gähnten uns an, stiegen langsam in unsere Ausrüstung und machten uns gegen 01:10 Uhr an den Aufstieg.
Ich fühlte mich gleich um einiges besser. Der starke Wind war mit dicker Jacke und festen Schuhen gut zu ertragen und erfrischte mich. Mit kleinen Schritten erkäpften wir uns Meter und Meter und ich fühlte meine Kräfte mit jedem weiteren Meter steigen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte so ewig laufen. John war allerdings etwas schneller und so splittete uns Paoblo kurzerhand und schickte ihn zusammen mit Francisco voraus, da Magi nur sehr mühsam voran kam. Ich schaute ihnen etwas bedauernd nach, aber es war nicht an mir Entscheidungen zu treffen. Leider sollte meine Tour ein paar Minuten später bereits enden. Magi ging es sehr schlecht - auch sie war der Höhenkrankheit zum Opfer gefallen und litt unter starken Schmerzen. Die Entscheidung des Führers war hart aber einleuchtend. Wir mussten umkehren.
Natürlich war ich enttäuscht - immerhin hatte ich viel Geld bezahlt und fühlte mich kein bisschen müde. Aber die arme Magi konnte ja auch nichts dafür. Gegen 02:40 Uhr waren wir wieder zurück in der Hütte und Paoblo wies uns an zurück ins Bett zu gehen.
Wirklich schlafen konnte ich aber nicht. Ich dachte an die anderen, die noch auf dem Berg kämpften, am Morgen den Krater erklimmen und sich gut fühlen würden und wünschte mich sehnlichst auch dorthin.

An diesem Tag sollte aber niemand den Gipfel erreichen. Vielleicht zwei bis drei Stunden später schneiten alle im wahrsten Sinne des Wortes wieder herein. Von Eis bedeckt glänzten sie im Licht der Stirnlampen. Helme, Rucksäcke und Eispickel waren tatsächlich komplett von einer dicken durchsichtigen Eisschicht bedeckt. In diesem Moment war ich nicht mehr ganz so betrübt über die frühe Umkehr.
Viele waren bereits seit einer Stunde auf dem Gletscher gelaufen, als die Führer einstimmig beschlossen, dass es zu gefährlich wurde. Man konnte die Spalten nicht mehr erkennen und der Wind hatte einige Bergsteiger angeblich samt Steigeisen aus dem Eis gehoben! Da konnte man wirklich nichts mehr machen!

Dennoch machten alle am nächsten Morgen fröhliche Gesichter. Allein der Kapf auf dem Berg war es wert gewesen.
Sogar als wir gegen neun Uhr morgens aufbrachen und zum Parkplatz zurück liefen hatte sich das Wetter noch nicht gebessert! Übrigens war auch das Auto von einer dicken Eisschicht bedeckt und wir mussten eine ganze Weile bei laufender Heizung warten, bis es einigermaßen geschmolzen war...

Als wir aus dem Nationalpark herausfuhren klarte der Himmel für kurze Zeit ein wenig auf, aber ein besseres Foto als dieses ist dabei leider nicht heraus gekommen. :)


Ich mache hier erstmal Schluss, weil ich morgen früh schon um halb fünf abgeholt und zum Flughafen gefahren werde von wo aus ich endlich nach Galápagos weiterreisen werde. Dort habe ich leider kein Internet, nur am Hafen, aber der ist 45 Autominuten von der biologischen Station entfernt, in der ich arbeiten werde. Ich hoffe, ich schaffe es an einem der kommenden Wochenenden mal dorthin.

Ich poste wieder, sobald es geht.

Liebe Grüße
Kiri

Samstag, 16. Juni 2012

Mt. Pichincha

Am Freitag bestieg ich Mt. Pichincha.
Da ich zu geizig für ein Taxi war, beschloss ich zu laufen - einmal quer durch Quito von unserem Haus im Osten zum Vulkan nach Westen. Es dauerte ungefähr 1,5 Stunden und hätte mir nicht viel ausgemacht, aber der Gestank auf der Straße, der ganze Verkehr und die Abgase waren eine echte Qual. Gegen halb elf erreichte ich aber endlich die Seilbahn und gegen 11:00 Uhr war ich auch schon auf halber Höhe des Berges.
Dort verließ ich die Seilbahn und begann den Aufstieg. Das Wetter war nicht schlecht. Etwas wolkig vielleicht, aber das sollte sich eher als Gnade erweisen, da die Sonne hier sehr stark brennt und ich am Ende des Tages trotz bewölkten Himmels, Creme und Hut einen leichten Sonnenbrand im Gesicht hatte...

Dennoch tat all dies der Schönheit der Landschaft keinen Abbruch und zum erstenmal realisierte ich, dass ich mich inmitten der Anden befand. In der Stadt ist man zwar von Bergen umgeben, aber durch all den Trubel, die vielen Autos, Menschen und Gebäude kommt man nicht dazu sich das wirklich klar zu machen. Es ist wie in einer anderen Welt. Hier jedoch war es absolut still und friedlich - und in der Ferne erhob sich Mt. Pichincha und wartete auf mich... Der Weg dorthin war lang, staubig, an vielen Stellen aufgerissen und schlängelte sich erstmal über viele kleine Hügel, ehe er endlich auf den Fuß des Vulkans traf...

 Wegen des Höhenunterschiedes musste ich immer wieder kleine Päuschen einlegen und etwas verschnaufen, aber zum Glück hatte ich ja Zeit, genug Wasser dabei und war allein. So konnte ich mich in aller Ruhe aklimatisieren und einfach nur die Landschaft genießen. :)
Da es ein Freitag war, traf ich unterwegs auch nur eine Hand voll Leute. Beinahe alle überholten mich, doch das war mir egal. Wozu sollte ich mich denn hetzen? Es war noch nicht einmal 12 Uhr, die Seilbahn würde - laut Auskunft meiner Mitbewohnerin - ungefähr bis fünf Uhr fahren und selbst wenn ich es nicht bis ganz zum Gipfel schaffen sollte, so war es doch ein wunderschöner Ausflug. Ich genoß es ganz einfach, allein zu sein und keinerlei Stadtlärm bzw. -geruch um mich zu haben.
Jeder weitere Hügel, den ich erklomm, belohnte mich für die Mühe mit einer noch großartigeren Aussicht - gerade wenn ich glaubte, das Maximum an Schönheit vor Augen gehabt zu haben. Ich hatte wirklich Schwierigkeiten die schönste Aufnahme für euch auszusuchen. Zu schade, dass ich keine Panorama-Fotos machen kann. Daher habe ich euch einfach zusätzlich nahe des Gipfels ein 360°-Video gedreht: http://www.youtube.com/watch?v=ZMx9Dv4mcXk



Der Pfad zum Gipfel war sehr niedlich. Allerdings wurde es durch die Wolken nach und nach zu nebelig für gute Fotos und auch der kleine Weg wurde immer schmaler und wollte einfach nicht weiter ansteigen. Stattdessen verlor er sich in der Ferne und schien in einem großen Bogen um die Spitze herumzuführen. Dabei waren es höchstens noch 100 Höhenmeter...
Mir wurde außerdem sehr kalt. Meine Finger konnten kaum noch die Kamera halten - für diese Temperaturen war ich trotz meiner Fließjacke nicht gut genug ausgerüstet. Also ließ ich Gipfel Gipfel sein und kehrte langsam um. Eine Erkältung konnte ich momentan wirklich nicht gut gebrauchen.
Die Struktur des Gesteins war übrigens sehr interessant. Wie bei einer Torte schien auch der Berg aus vielen Schichten zu bestehen.Man konnte die geballte Kraft der Plattentektonik beinahe fühlen. Mir gefällt der Gedanke, dass all dies einmal Meeresboden war. :)

Der Abstieg ging natürlich viel schneller als der Aufstieg. Nach Oben brauchte ich gut 2,5 Stunden, Runter hätte ich es in einer geschafft, aber das wollte ich nicht. Wozu wäre denn sonst die ganze Plackerei gut gewesen? Also machte ich überall, wo es mir gefiel eine längere Rast, ließ alle Leute an mir vorbei den Hügel runterstapfen und freute mich mal bei einer Banane oder einem Apfel, mal bei einem Schluck Wasser an der Aussicht.

Trotz aller Verzögerungsmaßnahmen kam ich früher oder später leider doch wieder unten an, und da es noch nicht einmal vier Uhr war, beschloss ich, mir einen Ritt durch die Landschaft zu gönnen. Mir wurde ein wunderschönes, großes, dunkelbraunes Roß zugewiesen und auch ein Poncho war im Preis von 5 Dollar (für 30 Minuten) enthalten. Obwohl es ein Touristengag war, nahm ich ihn an - vermutlich, weil ich nunmal ein Tourist bin, oder aber, weil man sich eigentlich nicht dagegen wehren kann und ihn fast gewaltsam übergestülpt bekommt. Schließlich ist das authentisch und alle Touristen wollen sich wie ein Inka fühlen, nicht wahr? Okay, ich muss zugegeben, es hatte was. Vor allem war er saugemütlich und kuschelig warm - ich hoffte innerlich jedoch, er würde zumindest jedes halbe Jahr einmal gewaschen - zum Glück roch er aber nur nach Pferd. :)

Ich spielte noch eine Weile mit einem lieben Hund, der eigentlich die Pferde bewachen sollte. Dann fing es aber leider an zu regnen und ich machte mich Schweren Herzens auf den Rückweg zur Seilbahn... Am liebsten wäre ich den Rest der Woche hier oben geblieben.

Ich hoffe ihr begeistert euch auch für Berge - ansonsten war dieser Eintrag warscheinlich ziemlich langweilig für euch... In diesem Falle, danke fürs trotzdem lesen. ^^

Hasta Pronto
Kiri